Schlagwort: Fortschritt

  • Erê, ich will!

    Erê, ich will!

    Wenn die Eheschließung zum politischen Diskurs über Integration wird

    „War ja klar, dass du am Ende doch einen Kurden/eine Kurdin heiratest.“

    Solche Kommentare kommen häufig ausgerechnet von Menschen, die selbst in der Diaspora leben und ernsthaft meinen, eines der größten Indizien für Modernität sei die Beziehung mit einem Nicht-Kurden. Doch stimmt das?

    Offenbar existiert da draußen irgendwo ein Integrations-TÜV, von dem ich bisher nichts wusste. Deutsch sprechen: bestanden. Ausbildung oder Studium: bestanden. Arbeiten, Steuern zahlen, einen Freund oder eine Freundin aus einem anderen Herkunftsland haben: alles wunderbar.

    Aber dann heiratest du einen Kurden und plötzlich leuchtet die Warnlampe:

    „Schade. War wohl doch nichts mit der Integration. Du bist ja doch nur ein dummer Bauer, der auf Mama und Papa hört.“

    Wer bestimmt eigentlich, was modern ist?

    Genau hier möchte ich eine einfache Frage stellen: Wenn zwei Deutsche sich kennenlernen, verlieben und heiraten, würde irgendjemand ernsthaft danebenstehen und fragen, warum sie bei der Partnerwahl nicht etwas weltoffener waren?

    Natürlich nicht.

    Wenn zwei Menschen mit Migrationsgeschichte dasselbe tun, verändert sich erstaunlich schnell die Interpretation. Plötzlich steht nicht mehr die Beziehung im Mittelpunkt, sondern die Herkunft. Dann fallen Begriffe wie „traditionell“, „konservativ“ oder gleich „rückständig“.

    Besonders ironisch ist, dass solche Urteile ausgerechnet häufig von Menschen kommen, die sich selbst für ausgesprochen offen, modern und progressiv halten.

    Kultur? Sehr gerne.

    Aber bitte die richtige.

    Matcha Latte to go, Sushi-Date, Babyshower oder Gender-Reveal-Party? Modern, international, selbstverständlich. Da wird importiert, dekoriert, konsumiert und anschließend natürlich gepostet.

    Sobald Kultur jedoch nicht aus irgendeinem Trendregal stammt, sondern tatsächlich gelebt wird und die eigene Sprache, Familie, Partnerwahl oder Identität prägt, wird aus vermeintlicher Weltoffenheit erstaunlich schnell Unbehagen.

    Kulturelle Vielfalt ist offenbar besonders attraktiv, solange sie sich kaufen, fotografieren und anschließend wieder wegräumen lässt.

    Das Eigene dauerhaft zu leben, ist dagegen plötzlich verdächtig.

    Besonders bemerkenswert wird es am kurdischen Beispiel. Bei uns scheint sich die absurde Vorstellung festgesetzt zu haben, alles Eigene möglichst weit von sich wegschieben zu müssen, um am Puls der Zeit zu leben.

    Es grenzt schon an Selbstkasteiung, wie normal es für viele geworden ist, sich von Sprache, Tradition und Herkunft emanzipieren zu müssen, um überhaupt als angekommen zu gelten.

    Natürlich fällt ein solches Verhalten nicht vom Himmel. Wer über Generationen erlebt hat, dass die eigene Sprache eingeschränkt, die eigene Identität politisiert und das eigene Kurdischsein zum Problem erklärt wurde, beginnt irgendwann selbst damit, diese Abwertung an die nächste Generation weiterzugeben.

    Mich erinnert das an einen Satz aus The Fresh Prince of Bel-Air:

    „Wir haben so sehr darauf geachtet, dass unsere Kinder das haben, was wir nicht hatten, und dabei vergessen, ihnen das mitzugeben, was wir hatten.“

    Womöglich liegt genau darin eine unserer bittersten Realitäten: Aus Angst, unsere Kinder könnten wegen ihres Kurdischseins dieselben Nachteile erfahren wie wir, bringen wir ihnen irgendwann selbst bei, davon möglichst wenig zu zeigen.

    Ankommen, ohne sich aufzugeben

    Integration bedeutet für mich, Teil einer Gesellschaft zu sein – nicht, sich so lange abzuschleifen, bis von der eigenen Herkunft möglichst wenig übrigbleibt.

    Umso paradoxer ist es, dass wir uns ausgerechnet in einem privilegierten Land von unserer eigenen Kultur entfernen – in einem Land, das kulturelle Vielfalt so gerne zu seinem Selbstbild erklärt.

    Vielleicht nicht unbedingt zum Stadtbild. Aber das ist noch einmal ein eigenes Thema.

    Das Eigene hat Konjunktur

    Interessant wird es nämlich dort, wo man einen Blick auf die politische Realität wirft.

    Auch in Deutschland gelten traditionelle Familienbilder, Heimatverbundenheit oder konservative Vorstellungen keineswegs automatisch als modern. Gerade deshalb ist bemerkenswert, wie stark Parteien mobilisieren können, die Begriffe wie Heimat, kulturelle Identität, traditionelle Familie und den Erhalt des Eigenen wieder offensiv besetzen.

    Bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt erreichte die AfD zuletzt 43,8 Prozent. Die CDU kam auf 17,2 Prozent.

    Natürlich hat niemand ernsthaft 43,8 Prozent der Stimmen ausschließlich wegen eines Familienbildes oder wegen ein paar wohlklingender Begriffe wie Heimat und Tradition abgegeben. Ein solcher Zuspruch entsteht schließlich nicht im luftleeren Raum.

    Er zeigt jedoch eines sehr deutlich: Das Bedürfnis nach Zugehörigkeit, Vertrautem, kultureller Identität und Kontinuität ist keineswegs irgendein exotischer Tick migrantischer Communities.

    So rückständig kann dieses Bedürfnis also offenbar nicht sein.

    Schließlich lässt sich damit ziemlich erfolgreich Politik machen.

    Was man nicht ständig erklären muss

    Dabei sind die Gründe, weshalb sich zwei Menschen aus demselben kulturellen Umfeld zueinander hingezogen fühlen, oft sehr viel komplexer, als das bequeme Schlagwort von der „Abschottung“ vermuten lässt.

    Nehmen wir allein die Sprache.

    Die Muttersprache ist nicht einfach nur das erste Kommunikationsmittel, das wir erlernen. In ihr werden wir getröstet, ausgeschimpft und zum ersten Mal beim Namen gerufen. In ihr entstehen Kindheit, Humor, Scham, Nähe und all die kleinen Zwischentöne, die sich zwar übersetzen lassen, aber eben nicht immer gleich anfühlen.

    Dass das nicht bloß Sentimentalität ist, zeigt auch die Forschung. Früh erlernte Sprachen können besonders eng mit autobiografischen Erinnerungen und Emotionen verbunden sein. Man kann eine zweite Sprache perfekt beherrschen und trotzdem merken, dass ein Satz der eigenen Großmutter in der Muttersprache etwas auslöst, das keine noch so korrekte Übersetzung erreicht.

    Am kurdischen Beispiel kommt noch ein signifikanter Punkt hinzu: Kurdisch war über Generationen eben nicht einfach nur eine Sprache unter vielen. In mehreren Staaten, in denen Kurden leben, wurde sie aus Schulen und Teilen des öffentlichen Lebens verdrängt, eingeschränkt oder politisch verdächtig gemacht.

    Viele lernten sie deshalb dort, wo sie ihnen niemand nehmen konnte: zu Hause. Von Eltern und Großeltern, zwischen Küche, Wohnzimmer und Familienbesuchen.

    Wer seine Muttersprache über Generationen bewahren musste, für den ist sie irgendwann mehr als Kommunikation. Sie wird Erinnerung, Zugehörigkeit und manchmal auch der Beweis, dass man noch da ist.

    Doch Vertrautheit entsteht nicht nur durch Worte.

    Loyalitäten, Erwartungen, Verpflichtungen und ein Familien-WhatsApp-Chat, der binnen fünf Minuten zur außenpolitischen Lage eskalieren kann, sind nicht unbedingt jedermanns Sache.

    Manchmal entsteht Nähe eben auch daraus, dass man nicht bei Adam und Eva anfangen muss. Dass der andere versteht, warum ein Anruf aus der Heimat plötzlich alles verändert, warum Familie bei uns selten nur „Mama, Papa, Kind“ bedeutet und weshalb bestimmte Orte, Lieder oder Nachrichten mehr auslösen, als eine nüchterne Übersetzung jemals vermitteln könnte.

    Natürlich kann auch ein Nicht-Kurde all das verstehen. Darum geht es überhaupt nicht.

    Aber vielleicht sollten wir aufhören, so zu tun, als wäre es verdächtig, wenn zwei Menschen sich gerade deshalb näherkommen, weil sie sich in bestimmten Dingen nicht erst gegenseitig eine Bedienungsanleitung für ihr Leben vorlesen müssen.

    Hier geht es immer noch um Emotionen, Anziehung, Vertrautheit und zwischenmenschliche Nähe.

    Mein Partner sollte kein Accessoire für einen möglichst progressiv kuratierten Instagram-Feed sein.

    Und ich werde sicher nicht anfangen, meine Bettkante ethnisch divers zu besetzen, damit irgendjemand mich für besonders open-minded hält.

    Tradition endet dort, wo Zwang beginnt

    Natürlich gibt es innerhalb kurdischer Familien Vorstellungen darüber, wen die eigenen Kinder heiraten sollen. Es wäre schlicht gelogen, das an dieser Stelle zu verleugnen.

    Sozialer Druck, Erwartungen und Grenzen sind dabei nicht zu unterschätzen. Dort, wo aus einer persönlichen Entscheidung eine familiäre Verpflichtung wird, muss man darüber sprechen.

    Tradition kann erklären, warum bestimmte Erwartungen existieren. Sie darf aber niemals als Rechtfertigung dafür dienen, einem Menschen die Entscheidung über das eigene Leben abzunehmen.

    Zwang bleibt Zwang – auch wenn man ihn Tradition nennt.

    Doch womöglich liegt hier noch ein anderes Problem: Wir betrachten unsere eigenen Traditionen zwangsläufig als hinterwäldlerisch, wenn wir alles Moderne, Fortschrittliche und Freie grundsätzlich nur außerhalb unserer eigenen Gesellschaft suchen.

    Modern? Ja bitte – aber nur bei den anderen.

    Statt die eigenen Strukturen zu hinterfragen und neu zu definieren, suchen wir Fortschritt lieber im Äußeren.

    Als müsste man die eigene Kultur verlassen, um sich zu entfalten, anstatt sie selbst mitzugestalten.

    Eine Gesellschaft entwickelt sich aber nicht weiter, wenn diejenigen, die sich für fortschrittlich halten, sie verlassen und anschließend von außen auf sie herabschauen. Fortschritt muss auch innerhalb der eigenen Kultur möglich werden.

    Sonst überlassen wir anderen irgendwann ganz selbstverständlich die Deutungshoheit darüber, was für uns modern, frei und fortschrittlich zu sein hat.

    Und vielleicht ist genau das so bequem: Fremde Maßstäbe lassen sich wesentlich leichter übernehmen, als die eigenen Strukturen mühsam zu verändern.

    Vielfalt bis zur Unkenntlichkeit

    Spätestens hier beginnt die ganze Vorstellung von Fortschritt, sich selbst zu widersprechen.

    Denn je lauter Individualität, Diversity und Wokeness beschworen werden, desto genauer scheint inzwischen die Schablone zu sein, in die ein moderner, aufgeschlossener Mensch passen soll.

    Was genau bleibt von Vielfalt übrig, wenn beim verzweifelten Versuch, möglichst individuell zu wirken, am Ende alle gleich aussehen, gleich denken und nach denselben Maßstäben leben?

    Ist es nicht lediglich eine hübsch etikettierte Einheitsmasse, die sich für Individualität hält?

    Manche von uns haben wohl einfach den Algorithmus mit der Realität verwechselt.

    In deiner Welt nennt man das vielleicht offen und modern.

    In meiner Identitätskrise und Selbstverleugnung.

    Freiheit, aber bitte nach Vorschrift

    Und hier schließt sich der Kreis.

    Ausgerechnet diejenigen, die Selbstbestimmung so gerne zur obersten Maxime erklären, werden erstaunlich bestimmend, sobald eine freie Entscheidung nicht ihrem Bild von Modernität entspricht.

    Einen Menschen für rückständig zu erklären, weil er sich freiwillig für einen Partner aus dem eigenen Kulturkreis entscheidet, ist schon bemerkenswert.

    Sich dabei gleichzeitig für fortschrittlich zu halten und ihm erklären zu wollen, wie eine moderne Partnerwahl gefälligst auszusehen hat, ist Rückständigkeit im progressiven Kostüm.

    Im Grunde lässt sich das auf einen Satz herunterbrechen:

    Es ist pure Assimilation unter dem Deckmantel moderner Selbstinszenierung.