Kategorie: Beziehungsweise

Zwischenmenschliche Beziehungen sind nicht immer einfach nachzuvollziehen. Hier ist ein kleiner Ratgeber aus meiner Sicht.

  • Erê, ich will!

    Erê, ich will!

    Wenn die Eheschließung zum politischen Diskurs über Integration wird

    „War ja klar, dass du am Ende doch einen Kurden/eine Kurdin heiratest.“

    Solche Kommentare kommen häufig ausgerechnet von Menschen, die selbst in der Diaspora leben und ernsthaft meinen, eines der größten Indizien für Modernität sei die Beziehung mit einem Nicht-Kurden. Doch stimmt das?

    Offenbar existiert da draußen irgendwo ein Integrations-TÜV, von dem ich bisher nichts wusste. Deutsch sprechen: bestanden. Ausbildung oder Studium: bestanden. Arbeiten, Steuern zahlen, einen Freund oder eine Freundin aus einem anderen Herkunftsland haben: alles wunderbar.

    Aber dann heiratest du einen Kurden und plötzlich leuchtet die Warnlampe:

    „Schade. War wohl doch nichts mit der Integration. Du bist ja doch nur ein dummer Bauer, der auf Mama und Papa hört.“

    Wer bestimmt eigentlich, was modern ist?

    Genau hier möchte ich eine einfache Frage stellen: Wenn zwei Deutsche sich kennenlernen, verlieben und heiraten, würde irgendjemand ernsthaft danebenstehen und fragen, warum sie bei der Partnerwahl nicht etwas weltoffener waren?

    Natürlich nicht.

    Wenn zwei Menschen mit Migrationsgeschichte dasselbe tun, verändert sich erstaunlich schnell die Interpretation. Plötzlich steht nicht mehr die Beziehung im Mittelpunkt, sondern die Herkunft. Dann fallen Begriffe wie „traditionell“, „konservativ“ oder gleich „rückständig“.

    Besonders ironisch ist, dass solche Urteile ausgerechnet häufig von Menschen kommen, die sich selbst für ausgesprochen offen, modern und progressiv halten.

    Kultur? Sehr gerne.

    Aber bitte die richtige.

    Matcha Latte to go, Sushi-Date, Babyshower oder Gender-Reveal-Party? Modern, international, selbstverständlich. Da wird importiert, dekoriert, konsumiert und anschließend natürlich gepostet.

    Sobald Kultur jedoch nicht aus irgendeinem Trendregal stammt, sondern tatsächlich gelebt wird und die eigene Sprache, Familie, Partnerwahl oder Identität prägt, wird aus vermeintlicher Weltoffenheit erstaunlich schnell Unbehagen.

    Kulturelle Vielfalt ist offenbar besonders attraktiv, solange sie sich kaufen, fotografieren und anschließend wieder wegräumen lässt.

    Das Eigene dauerhaft zu leben, ist dagegen plötzlich verdächtig.

    Besonders bemerkenswert wird es am kurdischen Beispiel. Bei uns scheint sich die absurde Vorstellung festgesetzt zu haben, alles Eigene möglichst weit von sich wegschieben zu müssen, um am Puls der Zeit zu leben.

    Es grenzt schon an Selbstkasteiung, wie normal es für viele geworden ist, sich von Sprache, Tradition und Herkunft emanzipieren zu müssen, um überhaupt als angekommen zu gelten.

    Natürlich fällt ein solches Verhalten nicht vom Himmel. Wer über Generationen erlebt hat, dass die eigene Sprache eingeschränkt, die eigene Identität politisiert und das eigene Kurdischsein zum Problem erklärt wurde, beginnt irgendwann selbst damit, diese Abwertung an die nächste Generation weiterzugeben.

    Mich erinnert das an einen Satz aus The Fresh Prince of Bel-Air:

    „Wir haben so sehr darauf geachtet, dass unsere Kinder das haben, was wir nicht hatten, und dabei vergessen, ihnen das mitzugeben, was wir hatten.“

    Womöglich liegt genau darin eine unserer bittersten Realitäten: Aus Angst, unsere Kinder könnten wegen ihres Kurdischseins dieselben Nachteile erfahren wie wir, bringen wir ihnen irgendwann selbst bei, davon möglichst wenig zu zeigen.

    Ankommen, ohne sich aufzugeben

    Integration bedeutet für mich, Teil einer Gesellschaft zu sein – nicht, sich so lange abzuschleifen, bis von der eigenen Herkunft möglichst wenig übrigbleibt.

    Umso paradoxer ist es, dass wir uns ausgerechnet in einem privilegierten Land von unserer eigenen Kultur entfernen – in einem Land, das kulturelle Vielfalt so gerne zu seinem Selbstbild erklärt.

    Vielleicht nicht unbedingt zum Stadtbild. Aber das ist noch einmal ein eigenes Thema.

    Das Eigene hat Konjunktur

    Interessant wird es nämlich dort, wo man einen Blick auf die politische Realität wirft.

    Auch in Deutschland gelten traditionelle Familienbilder, Heimatverbundenheit oder konservative Vorstellungen keineswegs automatisch als modern. Gerade deshalb ist bemerkenswert, wie stark Parteien mobilisieren können, die Begriffe wie Heimat, kulturelle Identität, traditionelle Familie und den Erhalt des Eigenen wieder offensiv besetzen.

    Bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt erreichte die AfD zuletzt 43,8 Prozent. Die CDU kam auf 17,2 Prozent.

    Natürlich hat niemand ernsthaft 43,8 Prozent der Stimmen ausschließlich wegen eines Familienbildes oder wegen ein paar wohlklingender Begriffe wie Heimat und Tradition abgegeben. Ein solcher Zuspruch entsteht schließlich nicht im luftleeren Raum.

    Er zeigt jedoch eines sehr deutlich: Das Bedürfnis nach Zugehörigkeit, Vertrautem, kultureller Identität und Kontinuität ist keineswegs irgendein exotischer Tick migrantischer Communities.

    So rückständig kann dieses Bedürfnis also offenbar nicht sein.

    Schließlich lässt sich damit ziemlich erfolgreich Politik machen.

    Was man nicht ständig erklären muss

    Dabei sind die Gründe, weshalb sich zwei Menschen aus demselben kulturellen Umfeld zueinander hingezogen fühlen, oft sehr viel komplexer, als das bequeme Schlagwort von der „Abschottung“ vermuten lässt.

    Nehmen wir allein die Sprache.

    Die Muttersprache ist nicht einfach nur das erste Kommunikationsmittel, das wir erlernen. In ihr werden wir getröstet, ausgeschimpft und zum ersten Mal beim Namen gerufen. In ihr entstehen Kindheit, Humor, Scham, Nähe und all die kleinen Zwischentöne, die sich zwar übersetzen lassen, aber eben nicht immer gleich anfühlen.

    Dass das nicht bloß Sentimentalität ist, zeigt auch die Forschung. Früh erlernte Sprachen können besonders eng mit autobiografischen Erinnerungen und Emotionen verbunden sein. Man kann eine zweite Sprache perfekt beherrschen und trotzdem merken, dass ein Satz der eigenen Großmutter in der Muttersprache etwas auslöst, das keine noch so korrekte Übersetzung erreicht.

    Am kurdischen Beispiel kommt noch ein signifikanter Punkt hinzu: Kurdisch war über Generationen eben nicht einfach nur eine Sprache unter vielen. In mehreren Staaten, in denen Kurden leben, wurde sie aus Schulen und Teilen des öffentlichen Lebens verdrängt, eingeschränkt oder politisch verdächtig gemacht.

    Viele lernten sie deshalb dort, wo sie ihnen niemand nehmen konnte: zu Hause. Von Eltern und Großeltern, zwischen Küche, Wohnzimmer und Familienbesuchen.

    Wer seine Muttersprache über Generationen bewahren musste, für den ist sie irgendwann mehr als Kommunikation. Sie wird Erinnerung, Zugehörigkeit und manchmal auch der Beweis, dass man noch da ist.

    Doch Vertrautheit entsteht nicht nur durch Worte.

    Loyalitäten, Erwartungen, Verpflichtungen und ein Familien-WhatsApp-Chat, der binnen fünf Minuten zur außenpolitischen Lage eskalieren kann, sind nicht unbedingt jedermanns Sache.

    Manchmal entsteht Nähe eben auch daraus, dass man nicht bei Adam und Eva anfangen muss. Dass der andere versteht, warum ein Anruf aus der Heimat plötzlich alles verändert, warum Familie bei uns selten nur „Mama, Papa, Kind“ bedeutet und weshalb bestimmte Orte, Lieder oder Nachrichten mehr auslösen, als eine nüchterne Übersetzung jemals vermitteln könnte.

    Natürlich kann auch ein Nicht-Kurde all das verstehen. Darum geht es überhaupt nicht.

    Aber vielleicht sollten wir aufhören, so zu tun, als wäre es verdächtig, wenn zwei Menschen sich gerade deshalb näherkommen, weil sie sich in bestimmten Dingen nicht erst gegenseitig eine Bedienungsanleitung für ihr Leben vorlesen müssen.

    Hier geht es immer noch um Emotionen, Anziehung, Vertrautheit und zwischenmenschliche Nähe.

    Mein Partner sollte kein Accessoire für einen möglichst progressiv kuratierten Instagram-Feed sein.

    Und ich werde sicher nicht anfangen, meine Bettkante ethnisch divers zu besetzen, damit irgendjemand mich für besonders open-minded hält.

    Tradition endet dort, wo Zwang beginnt

    Natürlich gibt es innerhalb kurdischer Familien Vorstellungen darüber, wen die eigenen Kinder heiraten sollen. Es wäre schlicht gelogen, das an dieser Stelle zu verleugnen.

    Sozialer Druck, Erwartungen und Grenzen sind dabei nicht zu unterschätzen. Dort, wo aus einer persönlichen Entscheidung eine familiäre Verpflichtung wird, muss man darüber sprechen.

    Tradition kann erklären, warum bestimmte Erwartungen existieren. Sie darf aber niemals als Rechtfertigung dafür dienen, einem Menschen die Entscheidung über das eigene Leben abzunehmen.

    Zwang bleibt Zwang – auch wenn man ihn Tradition nennt.

    Doch womöglich liegt hier noch ein anderes Problem: Wir betrachten unsere eigenen Traditionen zwangsläufig als hinterwäldlerisch, wenn wir alles Moderne, Fortschrittliche und Freie grundsätzlich nur außerhalb unserer eigenen Gesellschaft suchen.

    Modern? Ja bitte – aber nur bei den anderen.

    Statt die eigenen Strukturen zu hinterfragen und neu zu definieren, suchen wir Fortschritt lieber im Äußeren.

    Als müsste man die eigene Kultur verlassen, um sich zu entfalten, anstatt sie selbst mitzugestalten.

    Eine Gesellschaft entwickelt sich aber nicht weiter, wenn diejenigen, die sich für fortschrittlich halten, sie verlassen und anschließend von außen auf sie herabschauen. Fortschritt muss auch innerhalb der eigenen Kultur möglich werden.

    Sonst überlassen wir anderen irgendwann ganz selbstverständlich die Deutungshoheit darüber, was für uns modern, frei und fortschrittlich zu sein hat.

    Und vielleicht ist genau das so bequem: Fremde Maßstäbe lassen sich wesentlich leichter übernehmen, als die eigenen Strukturen mühsam zu verändern.

    Vielfalt bis zur Unkenntlichkeit

    Spätestens hier beginnt die ganze Vorstellung von Fortschritt, sich selbst zu widersprechen.

    Denn je lauter Individualität, Diversity und Wokeness beschworen werden, desto genauer scheint inzwischen die Schablone zu sein, in die ein moderner, aufgeschlossener Mensch passen soll.

    Was genau bleibt von Vielfalt übrig, wenn beim verzweifelten Versuch, möglichst individuell zu wirken, am Ende alle gleich aussehen, gleich denken und nach denselben Maßstäben leben?

    Ist es nicht lediglich eine hübsch etikettierte Einheitsmasse, die sich für Individualität hält?

    Manche von uns haben wohl einfach den Algorithmus mit der Realität verwechselt.

    In deiner Welt nennt man das vielleicht offen und modern.

    In meiner Identitätskrise und Selbstverleugnung.

    Freiheit, aber bitte nach Vorschrift

    Und hier schließt sich der Kreis.

    Ausgerechnet diejenigen, die Selbstbestimmung so gerne zur obersten Maxime erklären, werden erstaunlich bestimmend, sobald eine freie Entscheidung nicht ihrem Bild von Modernität entspricht.

    Einen Menschen für rückständig zu erklären, weil er sich freiwillig für einen Partner aus dem eigenen Kulturkreis entscheidet, ist schon bemerkenswert.

    Sich dabei gleichzeitig für fortschrittlich zu halten und ihm erklären zu wollen, wie eine moderne Partnerwahl gefälligst auszusehen hat, ist Rückständigkeit im progressiven Kostüm.

    Im Grunde lässt sich das auf einen Satz herunterbrechen:

    Es ist pure Assimilation unter dem Deckmantel moderner Selbstinszenierung.

  • Das Brautsyndrom des 21. Jahrhunderts

    Das Brautsyndrom des 21. Jahrhunderts

    Früher haben sich Menschen diskret verlobt und anschließend eine Hochzeit nach Ihrem Ermessen gefeiert. Heute ist das alles etwas anders. Der aufsehenerregende Antrag wird filmreif per Smartphone-Kamera im richtigen Winkel und perfektem Licht, natürlich ganz zufällig, spontan und total unvorhersehbar, aufgenommen. Dieser überaus intime Moment wird dann nicht selten mit der ganzen Welt geteilt. Gott bewahre, wenn nicht alle Menschen in ihrer Umgebung nicht völlig durchdrehen und kein Orgasmus ähnlichen Freudenschrei von sich geben, wenn die Braut verkündet, dass sie bald heiraten wird. Das wäre auch alles in Ordnung, wenn diese Kandidaten nicht das eigentliche aus den Augen lassen würden. Das Leben nach der Hochzeit mit einem Menschen, der sie für den Rest ihres Lebens begleiten wird und die Tatsache, dass auch dieser Tag irgendwann vorbeigeht. 

    Das Braut-Dasein = Hysterikerin 

    Eine ehrliche Reaktion oder Meinung wird die Beziehung zu der Braut für immer zerstören. Es klingt vielleicht zu überspitzt, aber das Verhalten einer zukünftigen Braut ähnelt oft einer gravierenden Persönlichkeitsstörung. Das einzige Heilmittel scheint die Hochzeit zu sein. Sie vergessen, dass sich die Erde nicht um ihr weißes Kleid oder die ihrer Hochzeitskarten dreht. Es ist auch völlig egal, dass sie Menschen verletzten oder anschreien, die bspw. ihr Leben gerettet hat, weil Sie von dieser Person aus einem brennenden Haus gerettet wurde. Das ist bis zu dem Augenblick nicht mehr der Rede wert. Warum das so ist? Denn Sie ist nicht mehr eine Freundin, Schwester, Mutter oder Cousine – NEIN, Sie ist DIE BRAUT! 

    Alles kann und wird gegen den Single verwendet werden 

    Falls jemand auf die fatale Idee kommt tatsächlich seine Meinung zu äußern, dann wird es als purer Neid ausgelegt! Es kann nicht damit zusammenhängen, dass man das Beste für diesen Menschen will oder es womöglich berechtigte Zweifel gibt. Diese Vorverurteilung muss man besonders als Single so hinnehmen. Das ist auch nicht diskutierbar. Es wäre sogar akzeptabel, wenn die eigene Entscheidung, sich nicht auf einen dauerhaften Partner einzulassen, genauso toleriert werden würde. Dies ist aber nicht der Fall. Ganz im Gegenteil, das wird in Form von Mitleid seitens der Brautzillas ausgedrückt. Wie ein störender Pickel, auf einer makellosen Haut, wird diese Tatsache als Problem angesehen, welches behoben werden sollte. Das ist mit einer der Gründe, warum man gezwungen ist, dieses Theater mitzumachen. Kein Mensch möchte als missgünstig, neidisch oder einsam angesehen werden.

     „Ich bin nicht so eine“

    Am schlimmsten sind im Übrigen die Bräute, die sagen: „Ich bin nicht so eine, ich bin ganz anderes als andere Bräute.“ Anfangs können sie noch klar denken, aber früher oder später ist bei denen auch Hopfen und Malz verloren. Alles muss individueller, besser und moderner sein, als alles, was es je in der Hochzeitswelt jemals existiert hat. Sie wollen alle das Rad neu erfinden. Trotz dessen wird komischerweise jedes Klischee in ihrer ganz eigenen und originellen Art umgesetzt. Schließlich möchte man ja immer noch „anders“ sein. An dieser Stelle sollte erwähnt werden, dass die Hochzeitsbranche jährlich über 40 Milliarden Euro Gewinn macht, mit diesen heiratswilligen Bräuten, die bereit sind Unsummen auszugeben, nur damit die Namen des Brautpärchens auf jeder Servierte, Tischdeckchen oder Kärtchen bedruckt wird. Nur für den Fall, dass die Gäste vergessen, wie das Hochzeitspärchen heißt. So als würde man auf der eigenen Party unbedingt überall sein Revier markieren wollen.

    Der schönste Tag im Leben 

    Jetzt mal Hand aufs Herz, wenn die Hochzeit der schönste Tag im Leben ist, bedeutet das nicht zwangsläufig im Umkehrschluss, dass alles andere im Leben nie dieses Ereignis übertreffen könnte? Es wird im Vorfeld ein völlig utopisches Bild in den Köpfen der Bräute eingebrannt, weil es ja sonst nichts in ihrem Leben geben wird, was ansatzweise jemals so gewürdigt werden kann, wie die Hochzeit. Das ist nicht nur antifeministisch, sondern auch gelogen, oder besser gesagt traurig. Traurig, dass nie ein Diplom, eine Auszeichnung oder eine andere herausragende Leistung immer im Schatten der Hochzeit stehen wird. Was sind schon 4–10 Jahre Ausbildung, Studium oder Forschung, gegen eine Hochzeit? Genau das vermittelt die Gesellschaft allen Frauen und Mädchen. Vermutlich muss das so vermittelt werden, damit die Frau glaubt, dass dies das höchste ist, was sie erreichen kann und nicht auf die Idee kommt irgendwas anderes von ihrem Leben haben zu wollen. 

    Die Feierwürdigen-Lebensentscheidungen 

    Trotz all dem, möchte man sich für die Freundin, den Freund, der Cousine oder Schwester freuen, wohl wissend, dass sich vieles ändern wird. Eine Lebensentscheidung, die jemand für sich trifft, muss akzeptiert werden, da jeder Mensch nur dieses eine Leben hat. Sei es eine Verlobung, eine Hochzeit oder ein Baby zu bekommen, aber warum muss sich dieser Mensch, der sich gegen eine Verlobung, eine Ehe oder ein Kind entschlossen hat, nicht auch gefeiert werden? Wo ist die „Gut, dass du Schluss gemacht hast – Feier“ oder „Yuhu, du bist nicht schwanger – Party? Singles haben in ihrem Leben viel Zeit und Geld für all diese Feierlichkeiten ihrer verheirateten Freunde oder Verwandte ausgegeben, wann sind die Singles dran? Oder dürfen sie gar nicht erst sowas erwarten, weil sie gefälligst auch heiraten müssen? Menschen sind verschieden, nicht jedes Ereignis in unserem Leben wird gleich gut oder schlecht aufgefasst. Also hört auf in euren individuell ausgesuchten elfenbeinweißen Kleidern und dem Schleier, der eure Sicht auf die Realität verfälscht, traurig auf Singles herabzublicken. Abgesehen davon bin ich der festen Überzeugung, dass der Brauch, die Namen der ledigen Freundinnen auf die Sohle der Braut zu schreiben, falsch verstanden wurde. Sie werden nicht aufgeschrieben, damit der Name, der als erstes verblasst, die nächste ist, die heiratet, sondern diejenigen, die aus dem Leben der Braut nach und nach verblassen werden. 

    Ab wann wurde aus du und ich, ihr und ich? 

    Es gibt wenig verheiratete Paare, die nach der Eheschließung immer noch sie selbst geblieben sind. Als wäre das ein ungeschriebenes Gesetz, kein Individuum mehr sein zu dürfen. Aber was bedeutet Ehe eigentlich? Vielleicht weil man sich ein Versprechen vor „Gott“, dem Standesamt und der Familie gibt? Das sind nicht zwangsläufig Menschen, die man liebt. Im Prinzip heißt das doch, dass dieses „Versprechen“ vor dem eigentlichen Menschen, die man liebt, weniger bedeutet, da es nicht vor einem Beamten, Priester oder Imam ausgesprochen wurde. Letztendlich ist es auch nur ein Stück Papier, dass dir bestätigt, dass man nun auch rechtlich an jemanden gebunden ist. Das ist scheinbar für einige Paare ein Grund nicht mehr Sie selbst zu sein, sondern nur noch ein Wir. Hier stellt sich die Frage, ab wann wurde aus du und ich, ihr und ich? 

  • Schwerbehinderte Beziehungen

    Schwerbehinderte Beziehungen

    Es war Platon, der sagte: „Liebe ist eine schwere Geisteskrankheit.“ Also im Prinzip eine Art Behinderung. Google zufolge ist die Definition für ‚behindert‘ nämlich: „Infolge einer körperlichen, geistigen oder seelischen Schädigung beeinträchtigt.“ Passt eins zu eins auch auf Menschen, die verknallt sind. Im Grunde auch nur ein anderes Wort für ‚einen Knall‘ haben. Eigentlich sollte man ja sich vor Leuten, die einen Knall haben, etwas in Acht nehmen! Aber viele fürchten sich vor etwas ganz anderem.

    Es gibt drei große Szenarien, vor dem fast jeder Mensch panische Angst hat:

    1. allein sterben, 
    2. in eine finanzielle Misere zu fallen,
    3. krank werden, oder aufgrund eines Unfalls eingeschränkt sein.

    Ich als Rollstuhlfahrerin verkörpere in den Augen vieler Leute genau das. Alle Ängste vereint in einer Person. Viele glauben, dass Menschen mit Behinderung finanziell sehr schlecht dastehen (bzw. sitzen), weil sie ihre Wohnungen, Fahrzeuge etc. behindertengerecht umbauen müssen, oder andere spezielle Hilfsmittel brauchen. Wie viel kann da noch übrigbleiben? Dann kommt noch die Tatsache, dass man als Rollstuhlfahrer ständig auf Hilfe und Aufzüge angewiesen ist. Scheinbar sind einige Menschen der Meinung, dass das persönliche Lebensglück damit zusammenhängt, ob man Treppensteigen oder ein Marathonläufer werden kann. Folglich kann man mit all diesen Problemen auch kein Partner finden. Der wird nämlich automatisch als Pfleger assoziiert. 

    ‚Einbildung ist auch eine Behinderung‘

    Sobald ich irgendein Punkt davon überlistet habe, fühlt es sich so an, als hätte ich es der ganzen Welt gezeigt. Und genau das ist hochkant FALSCH! Man sollte meinen, dass ich über den Punkt hinaus wäre. Aber nach gewissen Erfahrungen, wir einem immer wieder bewusst, dass man selbst das größte Problem mit der eigenen Behinderung hat und nicht die anderen. 

    Kompromissbereitschaft 

    Während alle anderen Menschen befürchten sich mit dem Corona-Virus anzustecken, hatte ich mich in den letzten Monaten mit Monogamie angesteckt. Die Sicherheitsvorkehrungen waren fast dieselben. Ich war freiwillig in Quarantäne, habe nicht mehr viel aus mir gemacht und wenn ich raus ging, hatte ich eine unsichtbare Maske auf, damit niemand merkt, dass ich eigentlich unzufrieden war. Abgesehen davon, verwandelte mich in eine Art Kindermädchens für den großen Jungen an meiner Seite. Ständig ertappe ich mich dabei, wie ich solche Fragen stellte, wie: „Hast du heute genug gegessen? Bist du gut zuhause angekommen? Soll ich lieber zuhause bleiben?“ Das einzige, was ich nicht getan habe, ist ihn auf den Schoß zu nehmen, um ihn ein Bäuerchen zu entlocken! 

    Selbsttreue 

    Der innere Antrieb von mir war weg. Ich schob alles auf den unschuldigen Virus, der schließlich die ganze Welt lahmgelegt hatte und glaubte, dass ich deshalb nicht mehr viel mit meinem alten Leben zu tun hatte. Es ist normal, dass man in einer Beziehung nicht mehr so „aktiv“ ist und sich ein wenig verändert. Beziehungen sind zwangsläufig eine Kette von Kompromissen. Aber wie viel von unserem selbst dürfen wir dem anderen opfern, bevor wir aufhören wir selbst zu sein?  Kann man sich selbst treu sein, wenn man mit jemanden zusammen ist?

    Der Kampf gegen sich selbst

    Bei jedem Konflikt mit dieser Person, die neuerdings seine Zeit mit mir verbrachte, fragte ich mich, ob es wert war über gewisse Dinge zu diskutieren. Aus irgendeinem Grund nahm ich vieles einfach so hin. Ich glaube, dass ich einfach keine Lust auf unnötige Diskussionen hatte. Zumindest redete ich mir das ein. Es war einfach das zu glauben, als das was ich im tiefsten Inneren wusste und nicht zugeben wollte. Ich ging viele Kompromisse ein, weil ich dachte: „Er ist zwar nicht das, was ich schon immer haben wollte, er kann mich auch nicht wirklich verstehen und hat kaum eine Ahnung von meinen eigentlichen Interessen, ABER er akzeptiert mich ja wie ich bin – mit meinem Rollstuhl.“ Das ist der eigentlich tragische Gedanke, den ich ignorieren wollte.

    Anziehen und verziehen!

    Doch genau das, war was mich überhaupt an diesem Menschen als anziehend empfand. Es muss etwas Besonderes in ihm stecken, sodass er mich ausgewählt hat. Ja, ich weiß, es klingt sehr nazistisch, jemand gut zu finden, weil er mich gut findet, aber ich bin nur ehrlich. Trotz allem konnte ich mich nicht länger vor der Wahrheit verstecken und fing mit den Corona-Lockerungen an, auch locker über gewisse Konflikte zu reden. Dabei bemerkte ich immer wieder, dass er nur das mochte, was aus mir geworden ist und nicht wer ich bin. Das war vermutlich auch der Grund, warum er sich ziemlich erbärmlich verzogen und im Anschluss sein wahres Gesicht immer mehr präsentierte.  

    Die Erkenntnis 

    Als alles vorbei war, fühle ich mich so frei und fragte mich ich was zum Teufel mich geritten hatte? Alle Attribute, die ich mir für mein Partner vorgestellt habe, waren so gut wie nicht vorhanden. Wenn es um Selbstständigkeit ging: Ich habe meine Wünsche und Träume nie von einer Person abhängig gemacht. Er schon. Was meine Behinderung angeht: Ich habe mich so gut es geht mit dieser Tatsache abgefunden, dass ich gewisse Dinge nicht tun kann bzw. neue Alternativen für mich finde. Aber er nicht und das Schlimmste war, er hatte Angst vor nahezu allem was irgendwie neu ist. Abgesehen davon auch kaum bereit für Spontanität und zu allem Übel abhängig von mir. In jeder Lebenslage! Alle Eigenschaften die man mir als Rollstuhlfahrerin unterstellte, hatte er eigentlich. Diese Erfahrung hat mich wieder das erkennen lassen, was ich ständig anderen vorpredige. Kein Partner auf dieser Welt (und mag er noch so „großartig“ sein), ist es wert so viele Kompromisse einzugehen. Ich bin lieber Single und zufrieden, als eine Beziehung zu führen, die mich unglücklich macht.

    Beziehungsmärchen 

    Frau suchen ständig den Fehler zuerst bei sich selbst. „Wie konnte ich so dumm sein? Warum habe ich es nicht früher bemerkt usw.“ Vielleicht ist das auch der Grund warum wir Märchen lieben. In vielen Mädchen möchte die weibliche Hauptfigur gerettet werden. Der Märchenprinz muss kommen, damit wir aus einem Schlaf erwachen, als dem Turm befreit oder vor der Bösen Stiefmutter gerettet werden. Schneewittchen hätte einfach kein Obst von einer Fremden annehmen sollen. Rapunzel hätte ihr Haar irgendwo fest machen können, daran runter klettern und dann die Haare abschneiden können. Aschenputtel hätte mit ihren Vögeln und Mäusen eine Schneiderei eröffnen können und mit dem Geld ausziehen können, aber NEIN – Es wird kleinen Mädchen eingeredet, dass ein Mann in diesen ganzen Geschichten nötig, um die Prinzessin zu befreien.  Das einzige Märchen, welches tatsächlich Sinn macht ist „Hans im Glück“ – Komischerweise auch das einzige Märchen, in dem es nur um ein Jungen geht. Mir kommt grade der Gedanke, ob Hans im Glück vielleicht der Vorreiter von Fightclub war? Wie dem auch sei, eigentlich möchte ich nur damit sagen, dass viele Frauen im Prinzip vor sich selbst gerettet werden wollen. Vor ihren eigenen Zweifel, Pessimismus und manchmal auch Wahnsinn. Aber kein emotionaler Ballast kann weg gezaubert werden von einem Möchtegern Märchenprinz, mit Hipster Bart und Skinnyjeans. Das können nur wir Frau selbst.  

    Verstecke und offensichtliche Behinderungen   

    Als Rollstuhlfaherin verkörpere ich vielleicht alle Ängste, die viele Menschen haben. Paradoxerweise agieren wir Rollstuhlfahrer für die Gesellschaft aber auch als rollende Motivationstrainer. Frei nach dem Motto: „Wenn die Rollstuhlfaherin das schafft, schaff ich das auch.“ Was nicht stimmt, aber das ist ein anderes Thema. 

    Fakt ist, dass mein Defizit auf dem Servierteller präsentiert wird. Das unfaire an der Sache ist, dass man die Defizite bei anderem Menschen nicht sofort erkennen kann. Erst nach Monaten erkannte ich, dass diese Person ein energiesaugender Kleptomane, eifersüchtiger Schizophrener und emotionaler Legastheniker war. All diese „Behinderungen“ hätte ich gerne auch beim ersten Blick erkannt. Mein heimlicher Traum war es irgendwann ein Artisten an meiner Seite zu haben, doch stattdessen bekam ich einen Autisten. Zwar glauben viele Leute, dass ich ein Scherz mache, wenn ich sage: „Bitte besorg dir eine Behinderung, die man sehen kann, damit andere vorgewarnt sind. Schließlich bin ich auch so fair.“ Aber bei einigen Menschen ist das völlig ernst gemeint. Entweder mag man jemanden so wie er ist, oder man lässt es einfach sein. – Egal ob nun behindert ist, oder nicht, Kompromisse sollten beide Partner gleichermaßen eingehen und nicht der eine mehr oder der andere weniger. Wenn es in eurer Beziehung so ist, dann lasst es und sieht ein, dass ihr in einer behinderten Beziehung gefangen seid!

  • Manchmal müssen sich Frauen fragen: „Bin ich überqualifiziert für den Singlemarkt?!“

    Dr. Eckart von Hirschhausen sagte mal: „Der Singlemarkt ist wie der Arbeitsmarkt.“ In Anbetracht der Tatsachen stimmt es auch irgendwie. Was die Bewerbung für den Arbeitsmarkt ist, ist das Flirten für den Singlemarkt. Das erste Date ähnelt meistens einem Bewerbungsgespräch und die Beziehung entwickelt sich nach vielen Jahren zu einem Arbeitsverhältnis. Falls man jedoch keine Beziehung hat und gar nicht erst danach suchen möchte, wird man von der Gesellschaft genauso angesehen, wie ein Langzeitarbeitsloser. Ob man nun keinen Job hat, weil man zu faul ist oder einfach nur zu überqualifiziert ist, interessiert kaum jemanden. Genauso ist es auch auf dem Singlemarkt. 

    Fehlende Gleichberechtigung

    Es scheint, dass man heutzutage als Frau zu überqualifiziert sein kann, um einen Partner zu finden. Denn sowohl auf dem Arbeitsmarkt als auch auf dem Singlemarkt gibt es keine Gleichberechtigung. Der einzige Unterschied zwischen beiden ist, dass ein Mann für den Singlemarkt nie zu überqualifiziert sein kann. Im Gegenteil. Während Frauen ständig Partner suchen, die auf ihrer Augenhöhe sind, möchten die Männer lieber Frauen haben, die es nicht sind. Umso hilfsbedürftiger, unselbstständiger und unerfahrener die Frau ist, desto attraktiver wirkt sie auf viele Männer. Es scheint, als müsste eine Frau sich immer entscheiden zwischen ihrem privaten oder beruflichen Erfolg. Diese beiden Erfolgskurven scheinen bei Frauen immer antiproportional zu sein.

    Die perfekte Frau und der perfekte Mann

    Normalerweise gelten für den Arbeitsmarkt und für den Singlemarkt ähnliche Anforderungen: Selbstständigkeit, Empathie, Toleranz und ein attraktives Aussehen. Aber die Realität sieht etwas anderes aus. Die Frau muss all das haben und sogar darüber hinaus. Eine Frau muss: immer top gestylt sein, ihren Haushalt führen können, die Kinder erziehen, ihren Job gewissenhaft erledigen (doch dabei nicht den Ehemann oder ihre Familie vernachlässigen) und zugleich eine leidenschaftliche Liebhaberin im Bett sein. All das soll sie am besten noch tun, ohne sich dabei zu beschweren oder Hilfe zu erwarten. So sieht die perfekte Frau für die Gesellschaft aus. Der Mann hingegen hat exakt nur zwei Aufgaben zu erledigen:  Er sollte die Familie ernähren können und im Stande sein, eine Familie überhaupt gründen zu können. Das war’s! 

    Doch eins möchte ich hier klar betonen: Nicht die Männer erwarten, dass eine Frau all das können muss, sondern die Mehrheit der älteren Frauengenerationen. Der größte Feind einer Frau, ist nicht ein Mann sondern meistens eine andere Frau. Weshalb ich auf diese Theorie komme? Ganz einfach: Frau bewerten sich immer untereinander. Wenn ein Mann sich mit einem anderen Mann trifft, denkt er sich meistens lediglich nur „Gefällt mir“ oder „Gefällt mir nicht“. Während hingegen eine Frau, wenn sie auf eine Fremde trifft, sofort anfängt, die andere Frau von oben bis unten abzuscannen.

    Brauchen Frauen keine Männer mehr?

    Frauen, die sich selbst weitergebildet, einen gut gezahlten Jobhaben und selbstbewusst sind, werden von der Gesellschaft angesehen, als wären sie „unzähmbar“ oder viel zu anspruchsvoll. Daher raten ältere Frauen jüngeren Frauengenerationen oft, dass sie sich naiv stellen sollen, aber intelligent handeln müssen, um einen Mann zu bekommen. Einem Mann hingegen würde man sowas nie raten. Doch nicht alle Frauen möchten diesen Deal eingehen. Wir leben in einer Welt, in der wir uns alles bestellen und liefern können, egal wann und wohin wir wollen. Selbst zum Kinderkriegen muss man heutzutage nicht verheiratet sein oder gar einen festen Partner haben. Alleinstehende Mütter gibt es mittlerweile wie Sand am Meer. Doch ist das die richtige Konsequenz? 

    Frauen haben vor mehr als 200 Jahren mit der Emanzipation begonnen. Doch leider haben sie dabei vergessen, den Mann mit zu emanzipieren. Während bei den Frauen die Verantwortung und die Ansprüche gestiegen sind, wird vom Mann noch das Gleiche erwartet wie vor 200 Jahren. Daher wirkt es so, als wären viele Frauen, die sich emanzipiert haben zu überqualifiziert für den Singlemarkt. Die Wahrheit ist jedoch, dass die Männer sich nicht so weiterentwickelt haben wie die Frauen. 

    Obwohl wir alle Möglichkeiten dieser Welt haben, alles zu verändern was wir wollen, möchten viele Menschen das Bild vom klassischen Mann und der klassischen Frau nicht ändern, obwohl alles rund um uns sich bereits längst verändert hat.

  • Tinderella on Tour

    Tinderella on Tour

    Wie viel müssen wir eigentlich über einen Menschen wissen, bevor wir sie oder ihn daten? Reicht uns ein Bild, der Beruf oder das Alter schon aus, um einen Menschen näher kennen zu wollen? Sind wir eigentlich im Internet dieselbe Person, wie im realen Leben, oder stellen wir uns unbewusst anders dar?

    All diese Eigenschaften spielen beim Online-Dating eine große Rolle. Unzählige Leute lernen sich heutzutage genau auf diese Art und Weise kennen. Aber was ist, wenn unsere Vorstellungen mit der Realität nicht übereinstimmen? Und wie oft hast du dich gefragt, ob dein Blind Date womöglich ein Handicap hat?

    Die Antwort ist, dass keiner sich darüber vorher Gedanken macht. Das ist auch kein Wunder, da daten und behindert sein für viele Menschen zwei total widersprüchliche Sachen sind. Nun ja, ich hab daraus ein Experiment gemacht und diese zwei vermeidlich widersprüchlichen Sachen vereint.

    Ich wollte wissen, wie Männer auf Tinder auf eine bloggende Rollstuhlfahrerin mit Migrationshintergrund wie mich reagieren. Die Bedingung dafür war, dass ich nicht jedem direkt gesagt habe, dass ich eine Behinderung habe und so die verschiedenen Reaktionen miteinander vergleichen wollte.

    Das erste Date

    Drei von fünf Männern wussten vor unserem Treffen nicht, dass ich im Rollstuhl sitze. Um eins vorweg zu sagen: Egal, ob ich ihnen vorher gesteckt habe, dass ich ein Handicap habe, oder nicht, die Reaktionen darauf waren ziemlich gleich. Vom peinlichen Schweigen bis hin zur großen Begeisterung, dass ich neben dem Rollstuhl fahren und meinem Studium tatsächlich auch noch denken und sprechen kann, war alles dabei.

    Nach circa fünf Tagen habe ich trotz all meiner Bedenken das erste Date mit jemandem ausgemacht. Tinder – Man Nummer 1 zeigte sich ziemlich ordentlich und ganz schön „hip“ für seine Mittdreißiger Jahre. Er schien ganz gut situiert in seinem Leben zu sein und versuchte sogar einen auf Hipster zu machen, in dem er sich seinen schönen grausigen Bart mühevoll auswachsen lies.

    Das Date mit ihm lief ziemlich gut, ja fast schon zu gut! Er fragte ziemlich interessiert nach meinem Leben und hat ernsthaftes Interesse gezeigt. „Gott sei Dank bin ich behindert“, dachte ich mir. Sonst hätte ich noch mit ihm schlafen müssen.

    Ein anderes normales „Tinder-Girl“ hätte sich vermutlich dieses Match nicht entgehen lassen. Doch wie heißt es so schön „wenn es am schönsten ist, sollte man gehen.“ Wir verabschiedeten uns voneinander und er bat mich, bevor er ging, sogar um ein zweites Date. Im Großen und Ganzen waren es ein paar nette Stunden, die ich mit ihm verbracht habe.

    Das zweite Date

    Spannend und gleichzeitig gelangweilt wartete ich mutterseelenallein am Bahnhof auf mein 2. Date. Ihm habe ich nicht verraten, dass ich im Rollstuhl sitze. Er war ein Landsmann von mir. Durch meinen Migrationshintergrund, der täglich hinter mir her schlendert, erlaubt es mein Open-Minded-Horizont auch meine anderen Landsleute unter die Lupe zunehmen.

    Zwischen all den neuen irritierenden Flüchtlingen, die sich wieder mal am Bahnhof tummelten, entpuppte sich meine Verabredung, als ein kleinwüchsiger, behaarter Kobold. Nicht zu vergessen seine Bierwampe, die er sich während seines Auslandssemesters, neben all seinen „Aktivität“, die er bei Tinder so schön dargestellt hatte, angetrunken hat.

    Dennoch wollte ich ihm eine Chance geben. Irgendwie hatte ich ein bisschen Mitleid. Abgesehen davon bin ich die Letzte, die auf Oberflächlichkeiten achten sollte. Auch wenn er es nicht mal für nötig gehalten hat, seine Haare zu kämmen, bevor er aus dem Haus gegangen ist. Ok, die Bezeichnung „Haare“ ist noch zu schön formuliert.

    Es waren eher ein paar Deckhaare, die seine Glatze verdeckt haben. Dennoch wollte ich mich nicht davon beirren lassen und lächelte ihn freundlich an. Sichtlich irritiert begriff er, dass er ein Date mit mir, der Rollstuhlfahrerin hat, die ihn von weitem anlächelte.

    Er hörte sich so gerne selbst beim Reden zu. Normalerweise haben Menschen wenigstens eine nette Persönlichkeit, wenn sie wissen, dass sie nicht unbedingt wie ein Supermodell aussehen, doch das traf bei ihm nicht zu.

    Tinder kann süchtig machen

    Zwischendurch stellte ich mir die Frage, wer wohl von uns der Behinderte war? Ich, die sich auf all diesen Mist einließ, oder er, der tatsächlich meinte, dass daraus mehr werden kann. An dieser Stelle beantworte ich diese rhetorische Frage lieber nicht.

    Irgendwann begriff selbst er, dass es ziemlich schlecht lief und fragte mich, ob wir zahlen sollen, um zu gehen. Ich stimmte euphorisch zu und die Kellnerin kam, um abzurechnen. Sie fragte: „Zusammen oder getrennt?“

    Bevor es noch peinlich wurde, sagte ich: „Getrennt bitte!“. Ich schaute ihn skeptisch an und bezahlte meinen 1,80 € Kaffee selbst. Nun, ein Vorteil haben getrennte Rechnungen, und zwar das auch getrennte Gehen!

    Insgesamt habe ich in den zwei Wochen, während ich bei Tinder angemeldet war, fünf Dates gehabt, die verschiedener nicht ablaufen konnten. Mit zunehmender Benutzung stellte ich mir zwischendurch oft die Frage „leben ich nun oder tindere ich nur?!“ Ja liebe Leute, nicht nur Candy Crush kann süchtig machen!

    Öffnet neue Türen

    Mit dieser App haben wir nicht nur den Zenit der totalen Oberflächlichkeit erreicht, sondern beweisen uns auch selbst damit, wie sehr wir uns von Fotos, Illustrationen, Selbstdarstellungen und Ich-Porträts hereinlegen lassen. Doch eins muss man ganz klar sagen: Die oberflächliche Schönheit, beziehungsweise Aussehen eines Menschen, ist das Erste, was wir an einem Menschen sehen.

    Sowohl im realen Leben, als auch in unserem virtuellen Leben, spielt das eine primäre Rolle. Im Internet war ich selbstsicher und schrieb sogar andere an, doch im realen Leben hätte ich das vermutlich nie gemacht.

    Fakt ist, dass diese Art der Kommunikation uns ganz neue Türen öffnet. Wir treffen uns nicht mehr auf Partys, um neue Leute kennenzulernen, sondern immer mit den gleichen Leuten in der gleichen Lokalität. Führer wurde man verkuppelt, doch heute passiert das immer seltener.

    Solche Apps, wie Tinder, finden immer mehr Platz in unserer Gesellschaft. Wir bestellen nicht mehr nur unsere Bücher, unser Essen oder unsere Kleidung im Internet. Wir sind schon so weit, dass wir sogar unsere Bekanntschaften aus dem Internet haben.

    Unser virtuelles Leben hat mittlerweile mehr Präsenz, als wir uns das eingestehen wollen. Ich frage mich, ob Tinder vielleicht sogar die klassischen Café- und Bahnhofsgespräche in der Zukunft ersetzen wird?

    http://www.huffingtonpost.de/arin-jaafar/dating-onlinedating-tinder_b_9856506.html