Kategorie: Politik

Was bei uns und in der restlichen Welt so geschieht.

  • Deutschland schaltet ab: Wenn Wahlkampf zur peinlichen Inszenierung verkommt

    Deutschland schaltet ab: Wenn Wahlkampf zur peinlichen Inszenierung verkommt

    Abertausende gehen seit geraumer Zeit gegen den Rechtsdruck in Deutschland auf die Straße und klopfen sich dabei gegenseitig mit einer moralischen Überheblichkeit auf die Schultern, als wäre ihr Auftrag auf Erden damit erfüllt. Dabei scheint dieses Land nur noch rechts oder links zu kennen – die Mitte hat quasi keine Relevanz mehr, für niemanden! Vor lauter politischer Korrektheit taumelt das Volk nur noch vor sich hin, als wäre es den Leuten völlig abhandengekommen, sich über die wahren Probleme dieses Landes zu echauffieren.

    • Altersarmut,
    • Fachkräftemangel,
    • die rezessionsgeplagte Wirtschaft,
    • der Bildungsnotstand oder
    • die mangelnde Gesundheitsversorgung?

    Alles Nebensache – interessanter scheint da nur, sich den nächsten großen Sündenbock ins Visier nehmen – vorzugsweise den ‚lästigen Parasiten‘ namens ‚Ausländer‘, um selbst nicht in den Spiegel schauen zu müssen.

    Der linke Sektor sollte sich jetzt aber nicht einbilden, viel besser zu sein – er nutzt ebenfalls nur die vermeintlich gescheiterte Migrationspolitik für seine Zwecke. Jetzt, wo endlich wieder Zeit für den Wahlkampf ist und die saisonbedingten Aufrufe nach „Intifada“ hinter ihnen liegen, kümmert sich die Partei wieder um ihr Steckenpferd: lautstarke Symbolpolitik, die großartig klingt – und an den eigentlichen Problemen konsequent vorbeischlittert.

    Während vor Kurzem noch Themen wie der Klimawandel ohrenbetäubend lautstark durch sämtliche Medien getrieben wurden, herrscht inzwischen nur noch das Klima des Fremdschämens. Man könnte fast glauben, in diesem Land stünde jeder in einer mentalen Warteschlange, geduldig darauf hoffend, als Nächster von der Verantwortung verschont zu bleiben. Eine Bevölkerung, der offenbar alles egal ist und die die Frage nach dem Migrationsproblem so behandelt, als wäre sie eine Quantenphysik-Gleichung, ist offenbar nicht mehr in der Lage, eins und eins zusammenzuzählen.

    Aber ist diese Gleichung wirklich so kompliziert? Oder ist sie nicht doch durchsichtiger als die billige Argumentation von Alice Weidel? Klingen die Worte der Politiker nicht alle längst wie auswendig gelernt – während das Volk dabei völlig vergessen hat, seine eigene Hauptrolle einzunehmen? Ja, hat diese Gesellschaft so kurz vor der Wahl wirklich den Verstand verloren? Wie kann es sein, dass ein Staat in der Lage ist, nach 6 Jahren einen Differenzbetrag von 1,62 Euro für das Finanzamt einzutreiben, aber bei scheinbar unzähligen illegalen, straffälligen Migranten, die glauben, im Film „The Purge“ gefangen zu sein, nichts unternimmt?!

    Wozu gibt es dann überhaupt Gesetze? Warum heißt es in so vielen Fällen, sie seien „durchs System gerasselt“? Wäre es nicht an der Zeit, genau dieses System selbst anzuprangern, anstatt pauschal jene zu verurteilen, die seit ihrer Ankunft nichts anderes tun, als zu arbeiten und Teil dieses Landes zu werden? Ob Hans-Dieter bewusst ist, dass „blau“ zu wählen am Ende auch ein blaues Wunder beschert – ohne Papa Staats Hilfe und ohne das günstige Gemüse von Mustafa, dessen Vater vermutlich schon als Gastarbeiter hier gearbeitet hat.

    Manchmal wünscht man sich glatt diese „glorifizierte Alternative“ an der Regierungsspitze, um dann schadenfroh zuzusehen, wie sich dieses Volk selbst in die Misere reitet, während nach und nach ihre gesamte Partei entzaubert wird. Ganz wie das politische Pendant zur Kutsche von Aschenputtel – am Ende bleibt nur ein zermatschter Kürbis.

    Das Problem an der ganzen Sache ist, dass wir alle im selben Boot sitzen, und genau das macht es so tragisch: Während wir über die geflohenen Bootsinsassen richten, lassen wir das eigene, längst leckgeschlagene Gefährt weiter sinken. Was bleibt, ist die Frage, ob wir je begreifen werden, wie absurd diese Inszenierung ist – und wann wir endlich jenen Wahnsinn beim Namen nennen, der uns in unserer eigenen Selbstgefälligkeit gefangen hält.

  • Erdogan – Der Mann, der Syrien den größten Gefallen getan hat

    Erdogan – Der Mann, der Syrien den größten Gefallen getan hat

    Es zeugt von seltener Naivität, wie die Türkei grade in Nordsyrien agiert. Aufgrund des blinden Hasses ist die türkische Regierung bereit Sanktionen hinzunehmen, lukrative Deals ad acta zu legen und Waffenlieferungen nicht mehr zu erhalten. Das alles nur, weil die Türkei Angst davor hat, dass die Kurden eine Autonomie Region in Nordsyrien bekommen könnten? Oder sie Angst haben vor den Schwesternparteien der PKK in Syrien? Keines Wegs! Erdogan ist der Laufbursche von Russland, USA und nicht zuletzt auch Syrien. Auch wenn das nicht auf den ersten Blick ersichtlich ist. 

    Beziehungsstatus zwischen Syrien, Russland, USA und der Türkei 

    Für die USA sind die Kurden in Nordsyrien nicht so lukrativ, wie damals die Kurden im Nordirak. Sie stellen nur eine Last dar. Russland ist der imaginäre Rechtsanwalt der syrischen Regierung und handelt im Interesse seines Mandanten Syrien. Syrien sichert dafür Russland selbstverständlich eine saftige Provision, die seit Jahren immer pünktlich gezahlt wird. Da die Türkei und Syrien seit dem Krieg nur noch über diesen Rechtsanwalt (Russland) miteinander kommunizieren, werden die Verhandlungen in der Öffentlichkeit ausschließlich zwischen Russland und der Türkei geführt. 

    Assads gut durchdachter Plan

    Man kann über Assad sagen was man will, doch wenn es um Politik geht, versteht der Mann etwas von seinem Handwerk. Wäre Erdogan nicht erneut von seinem blinden Hass gegen die Kurden gelenkt wurden, hätte Assad auch kein Druckmittel mehr gegen die Kurden, er hätte seine Truppen nicht ohne Vorwand in Nordsyrien erneut stationieren können. Abgesehen davon sind die Kurden jetzt gezwungen mit Assad zu verhandeln. Während dessen können die syrischen Truppen unter Ausschluss der Öffentlichkeit in Ruhe schauen was sie aus der Stadt Idlib machen wollen. Damit kann die syrische Regierung mehrere Fliegen mit einer Klappe schlagen.

    Warum die Angst vor einer kurdischen autonomen Region nur ein Vorwand für die Türkei ist

    Bei jeder Gelegenheit betonen die Vorsitzenden der Parteien PYD und YPG, dass sie weiterhin zu Syrien gehören wollen. Die Partei DKS (demokratischen Kräfte Syriens) konnte auch nur mit der Zusammenarbeit der kurdischen Parteien in Syrien entstehen. Damit beweisen Sie nochmals, dass sie ein Teil von Syrien bleiben wollen. 

    Auch im Kampf gegen die ISIS in Raqqa, haben exakt dieselben Regierungen (Syrien, Russland und USA), die kurdischen Parteien an die Front geschickt, um ihre eigenen Soldaten nicht einsetzen zu müssen. Wie soll man sich sonst erklären, dass all diese Großmächte es nicht mit der ISIS aufnehmen konnten, aber solche Milizen wie PYD und YPG schon? 

    Falls dies noch nicht Ausschlag gebend genug dafür ist, dass die kurdischen Parteien keinen Autonomie Region im Sinn hatten, sollte man sich die Namen derer Parteien mal genau analysieren.

    – PYD, auf kurdisch; Partiya Yekîtiya Demokrat 
    Auf arabisch: حزب الاتحاد الديمقراطي Ḥizb al-Ittiḥād ad-Dīmuqrāṭī 
    Auf deutsch: Partei der Demokratischen Union

    – YPG, auf kurdisch: Yekîneyên Parastina Gel
    Auf arabisch: وحدات حماية الشعب,
    Auf deutsch: Die selbstständige Volksverteidigungseinheiten 

    Und zu guter Letzt, die bereits schon genannte demokratischen Kräfte Syriens oder kurz DKS (arabisch قوات سوريا الديمقراطية, DMG Quwwāt Sūriyā ad-dīmuqrāṭīya; kurdisch Hêzên Sûriya Demokratîk)

    Und hier die offiziellen Namenswechsel der kurdischen Regionen (seit den letzten sechs Jahren) :
    ⁃ Demokratische Föderation Nordsyrien
    ⁃ Föderation Nordsyrien 
    ⁃ Die autonome Verwaltung Ost und Nordsyrien 

    Weder die Parteinamen, noch die Namen der Regionen beinhalten den Begriff „Kurdisch oder Kurdistan“. Nach all diesen Fakten klingt dies doch nicht nach einer politischen Vereinigung, die für die ausschließlich sich für eine kurdische Autonomie sich einsetzt, sondern eher nach Parteien, die unbedingt Assad’s Bedingungen gerecht werden will. Es war Erdogans purer Hass, der dazu geführt hat, diesen Einmarsch zu veranlassen und nichts anderes. Es war nicht die Angst vor einer kurdischen Autonomie direkt vor seiner Nase und hatte auch rein gar nichts mit dem eigenen Schutz im Lande zu tun. Genau darauf konnte Assad bauen und sein politisches Vorhaben ausführen. 

    Assads Reaktion

    Trotz all diesen Meilensteinen der Kurden im Syrienkrieg, wie den Kampf gegen den ISIS, der Gründung der Partei DKS (demokratischen Kräfte Syriens) und der eingehaltenen Absprachen zwischen Assad und den Kurden, nennt Assad sie bis heute „syrische Mindertet“, obwohl mehr als fünf Millionen Kurden in Syrien (vor dem Krieg) gelebt haben. (Fünf Millionen von 23 Millionen, sind gewiss keine Minderheit.) 
    Er versucht in all seinen Statements seit Jahren sogar das Wort „Kurden“ zu vermeiden. Assads jüngste Äußerung ist folgende: „Die Menschen in Nordsyrien Volksverräter, da sie ihre Hand den Amerikaner gereicht haben und nicht uns.“

    Fazit

    Erdogan ist ein Tyrann, der jeglichen Bezug zur Realität verloren hat und damit in bester Gesellschaft in diesem Krieg. Doch eins sollte man sich klar vor Augen halten, ohne den Rückzug der USA und die Zustimmung Syriens bzw. Russland, hätte selbst so ein degenerierter Mensch wie Erdogan sich nicht getraut in Nordsyrien so viel Unruhe zu stiften.

  • ‚Kurden waren schon immer Mittel zum Zweck‘

     Gastbeitrag vom Deutsch Syrischen Informationszentrum

    Hallo Arin, möchtest dich kurz vorstellen?

    Mein Name ist Arin Jaafar, ich lebe seit zwanzig Jahren im Saarland und studiere Betriebswirtschaft. Nebenbei arbeite ich als Kolumnistin und schreibe als Gastautorin für die Huffington Post.

    Was bedeutet Syrien für dich?

    Das ist schwer zu definieren, denn als ich angefangen habe, das Land zu schätzen, wurde es nach und nach zerstört. Seit meinem 2. Lebensjahr lebe ich in Deutschland und kenne Syrien eigentlich nur aus meinen Sommerferien. Syrien war für mich der Ort, in dem meine Verwandten leben – nicht mehr und nicht weniger. Ich habe mich vorher kaum mit Syrien oder der Regierung auseinandergesetzt.

    Das Misstrauen und der Hass ist auf allen Seiten viel größer geworden. Die Orte, die ich früher in Syrien gerne besucht habe, sind völlig zerstört. Das Syrien, welches ich mal kannte, existiert heute nicht mehr.

    Als die syrische Revolution 2011 anfing, haben meine Familie und ich den Sommer dort verbracht. Bevor ich die Aufstände vor Ort miterleben durfte, dachte ich, dass die Medien übertreiben, und das sich alles innerhalb weniger Wochen selbst klären würde. Der Aufenthalt in Syrien hat mir jedoch die Augen geöffnet. Alles was zu diesem Zeitpunkt in den Medien präsentiert wurde, war nicht übertrieben, sondern untertrieben. Als ich wieder zurück in Deutschland war, habe ich angefangen mich mit anderen Gleichgesinnten auszutauschen. Ab dem Zeitraum begann ich darüber in meinen Artikeln zu berichten. Es heißt, dass jede Generation eine Revolution brauch, mit der er/sie sich identifizieren kann. Meine war die syrische Revolution.

    Du bist eine syrische Kurdin und stammst aus Afrin. Wie siehst du die aktuelle Lage dort?

    Jeder möchte ein Stück vom Kuchen abbekommen. Die Türkei versucht aktuell mit ihren Angriffen auf Afrin lediglich zu provozieren, um endlich Aufmerksamkeit zu bekommen. Sie befürchten, die einzigen zu sein, die bei diesem Syrien Krieg leer ausgehen könnten. Abgesehen davon passiert seit Jahren nichts mehr ohne Kenntnisnahme der anderen Protagonisten, die bei diesem perfiden Krieg mitspielen. Sowohl die syrische als auch die russische Regierung dulden diese Angriffe. Bisher gibt es nicht einmal eine Reaktion darauf. Die Kurden aus Syrien sind völlig auf sich alleine gestellt. Die Türkei greift gezielt Stützpunkte und Olivenbaumfelder an. Der Anbau und der Besitz der Olivenbäume ist für sehr viele Kurden aus Afrin und Umland die Haupteinnahmequelle und wichtigster Kapitalbesitz. Sie symbolisieren eine Jahrhunderte alte Tradition.

    Neben Assads Bildern hängen nun auch Öcalans Bilder herum.

    Zuvor hatte die syrische Regierung noch damit gedroht, türkische Jets abzuschießen, sollten diese Angriffe auf syrisches Gebiet fliegen. Bisher ist nichts davon zu sehen. Das ist jedoch keine Überraschung. Wir Kurden sind scheinbar die Tagelöhner der syrischen Regierung. Die Kurden waren schon immer nur Mittel zum Zweck, für die türkische, syrische und teilweise auch irakische Regierung.

    Könntest du den Lesern kurz erläutern, welche Rolle die PYD/YPG spielt und inwieweit sie die syrischen Kurden repräsentiert?

    Die PYD/YPG sind Schwesterparteien der PKK. Seitdem die kurdische Milizen PYD/YPG mehrere Gebiete in Syrien kontrollieren, wird jede Kritik im Keim erstickt. Die PYD/YPG haben die kurdischen Gebiete von Assad zugesprochen bekommen. Viele ehemaligen PKK-Anhänger aus der Türkei sind nun in Syrien und arbeiten für die PYD/YPG in Syrien. Neben Assads Bildern hängen nun auch Öcalans Bilder herum. Im Prinzip haben wir Kurden die arabische Baath Partei gegen eine kurdische Baath Partei eingetauscht. Die Methoden der PYD/YPG sind exakt wie die des Assad Regimes. Und jetzt, wo die YPG/PYD eigentlich verteidigt werden sollte, von der syrischen Regierung, lassen sie sich nicht blicken. Generell hat Assad die Kurdengebiete
    damals der PYD/YPG gegeben, da er davon ausgegangen ist, dass die Kurden für ihn das kleinere Übel darstellen und treue Söldner sind. Die Kurden werden nur als Marionetten und Schutzschilder für Assad und seine Anhänger missbraucht. Das sehen wir aktuell in Afrin ganz deutlich.

    Fühlst du dich nach der syrischen Revolution mehr mit dem Land und den Menschen verbunden? Hast du auch hier mehr Kontakt zu anderen Syrern?

    Ich habe durch diese Revolution viel über Syrien erfahren. Ohne sie hätte ich viele sehr wichtige Menschen, die in meinem Leben eine wichtige Rolle spielen, vermutlich nie kennenlernen können. Jedoch habe ich auch erst nach der syrischen Revolution gelernt, dass nicht alles Gold ist, was glänzt. Es gibt oft Momente, in denen ich mich frage, ob es das wert war. Ich habe kaum Verwandte mehr in Syrien und wenn ich wieder einmal da sein darf, weiß ich nicht mehr wohin ich gehen kann. Alles hat sich mittlerweile geändert. Früher war es nicht wichtig, welcher Religion man angehört oder ob man nun Kurde, Turkmene oder Araber ist. Diesen Unterschied setzt die syrische Regierung bewusst in der Bevölkerung ein. Das Misstrauen und der Hass ist auf allen Seiten viel größer geworden. Die Orte, die ich früher in Syrien gerne besucht habe, sind völlig zerstört. Das Syrien, welches ich mal kannte, existiert heute nicht mehr.

    Alles wurde immer auf dem Rücken der Kurden ausgetragen. Leider sieht es ganz danach aus, dass sich die Geschichte erneut wiederholen wird.

    Wie beurteilst du die Rolle der syrischen Kurden in der Zukunft?

    Die Kurden sind in diesem Pulverfass, zwischen Türkei, Syrien, Irak und Iran gefangen. Die Geschichte hat gezeigt, dass die Kurden immer wieder eingesetzt wurden, wenn es Unstimmigkeiten zwischen diesen Ländern gab. Alles wurde immer auf dem Rücken der Kurden ausgetragen. Leider sieht es ganz danach aus, dass sich die Geschichte erneut wiederholen wird. Bereits 1982 hat das syrische Regime während des Hama Massakers die Kurden für sich instrumentalisiert. Trotz der Unterstützung wurden die Kurden von Hafiz Assad nicht anerkannt und wurden massenhaft festgenommen.

    Möchtest du den Lesern noch etwas mitteilen?

    Der Krieg in Syrien hat nicht nur den Nahen Osten gespalten, er hat auch Auswirkungen auf die politische Lage in Europa gehabt. In Zeiten der Globalisierung kann niemand mehr behaupten, dass gewisse Länder zu weit weg liegen, und wir nicht mit ihnen zu tun haben. Diese Haltung hat Europa mehrere Millionen Flüchtlinge eingebracht. Der größte Fehler war es, die Lösung für den Krieg hier in Europa zu suchen und nicht Vorort. Ich hoffe einfach nur, dass der Krieg in Syrien bald ein Ende hat und man mit dem Wiederbau anfangen kann.

  • „Wir Muslime machen grade mal 5% der deutschen Bevölkerung aus, doch bestimmen zu 50% die Schlagzeilen.“

    „Wir Muslime machen grade mal 5% der deutschen Bevölkerung aus, doch bestimmen zu 50% die Schlagzeilen.“

    Das sagte der Schriftsteller Hamed Abdel Samad in einem Interview mit der Huffington Post. Herr Abdel – Samad wurde mit seinen polarisierenden Büchern, in dem er den Islam analysiert, in der Öffentlichkeit bekannt. Kaum eine andere Debatte wird so oft geführt, wie die über den Islam. Die Meinungen dazu sind oft emotional aufgeladen und werden sehr monoton geführt. Daher wurde es Zeit Fragen zu stellen, die über das Kopftuch hinaus gehen.

    Sie kritisieren den Islam und sprechen über die überfällige Reformierung des Islams: Was haben Sie (abgesehen von ihren Büchern) zur Reformierung beigetragen?

    „Ich bin in erster Linie ein Schriftsteller. Ich bin weder ein Reformer noch ein Sozialarbeiter oder ein Politiker, um Lösungen anzubieten. Karl Kraus hat mal gesagt:

    „Ich kann keine Eier legen aber sehen, wenn ein Ei faul ist oder nicht.“ Ein Schriftsteller ist ein Analytiker.  Ich zerlege den Islam in mehreren Teilen. Jedoch erkenne ich an, dass mache Teile dieser Religion angenehm und für die Menschen notwendig sind. Ich habe das an meiner Familie gesehen. Die allgemeinen Prinzipien, die Idee, dass nach dem Tod noch etwas auf uns wartet. All das ist ok und das kritisiere ich auch gar nicht. Doch die Religion hat auch eine politische und juristische Seite, die gefährlich ist und jeden Tag Opfer kostet. Ich weiß, dass viele Muslime, (die ihre eigene Religion nicht richtig kennen), aus ihrer Emotionalität heraus den Drang haben sich zu verteidigen. Daher dulden bzw. akzeptieren sie keine Kritik. Ich sehe den Koran als Supermarkt. Man kann sich darin bedienen. Die Waren darin sind nicht sortiert. Genau das mache ich in meinem neuen Buch. Ich spiele die Rolle des Verbraucherschützers. Ich sortiere die Ware historisch ein. Ich werde dafür angegriffen, weil ich die Passagen aus dem Koran einordne. Allein das macht die Leute sauer. Die Leute bei uns stehen scheinbar nicht auf Verbraucherschutz.  

    Wenn man in Deutschland über den Islam redet, sind die Meinungen oft sehr extrem. Glauben Sie, dass Sie mit ihren Büchern so gut ankommen, weil sie einen Nerv der Gesellschaft getroffen haben oder weil Sie ein talentierter Schriftsteller sind?

    Es gab vor mir ein Buch mit dem Titel, „die Verbrechen des Propheten Mohammed“. Kein Mensch hat das Buch gekauft oder gelesen. Das Buch war ein Flop. Die Menschen haben kein Interesse an plumpe Beschimpfungen. Ich kenne mich aus in dieser Szene. Die Menschen lesen Bücher, wenn die Analyse einen gewissen Sinn macht. Ich glaube, dass ist der Grund, warum sich meine Bücher so gut verkaufen. Solche Bücher gibt es vielleicht in der Wissenschaft, wo nur 500 Leute das Buch lesen. Aber für die breite Leserschaft gibt es das nicht. 

    Bücher verkaufen sich gut, wenn man den Islam kritisiert? – Stimmt überhaupt nicht!  Also ich bin Analytiker und kein Kritiker. Ich bin Politikwissenschaftler, ich habe Geschichte an der Uni gelehrt. Das ist mein Fachgebiet und die Leute merken das, wenn sie meine Bücher lesen  

    Weshalb neigen wir oft dazu, den Islam ein Täter oder Opferrolle zu zuspielen?

    Das ist eine gute Frage und ein ernsthaftes Problem. Die Debatte wird sehr emotional geführt. Zwei Seiten schaukeln sich immer gegenseitig. Die eine Seite von Ängsten und die andere Seite von Arroganz. Es gibt Muslime, die Angst haben vor ihrem Identitätsverlust – besonders in Europa und deshalb hängen sie an den Islam, wie ein Kind an dem Kleid seiner Mutter. Dann gibt es da die deutsche Gesellschaft, die jeden Tag Nachrichten sieht und verunsichert wird.  Wir machen 5% der deutschen Gesellschaft aus, aber bestimmen 50% der Schlagzeilen. Und das wirkt sich natürlich auch für die Wahrnehmung dieser Leute aus. Wir werden größer gemacht als wir sind. Aber das sind echte Nachrichten. Sie sind nicht ausgedacht oder erfunden. Hinzu kommt die Arroganz vom rechtsradikalen Rand, der sich moralisch überlegen fühlt. Diese Leute sind auch nicht an einer Debatte interessiert und schmeißen alles in einem Topf. All diese Ängste schaukeln sich gegenseitig.

    Es gibt Interviews von Ihnen, in dem Sie klar sagen, dass Sie zwischen Muslime und den Islam trennen. Glauben Sie, dass ihre Leser dies auch tun, wenn Sie ihre Bücher lesen?

    Ja, weil ich das Gleiche auch in meinen Büchern schreibe. Menschen und Ideologien sind nicht das Gleiche. Die Islamisten wollen genau das. Sie wollen die Muslime und den Islam gleichsetzten.  Wir wollen über Integration reden aber bauen dabei immer mehr Moscheen.  Die Rolle der Integration und der Gesellschaft wird mit der Religion verbunden. Wenn man sich auf die Islam Verbände verlässt, erreicht man keine Integration. Höchstens die politische Aufrechterhaltung.  Die Menschen sind vielschichtiger und interessanter, als ihre Religion. Die Islam Verbände möchten die Rolle des Seelsorgers im Religionsunterricht spielen. Sie befestigt eine konservative Rolle des Islams. Sie liefert den normalen Muslimen, die mehrheitlich friedlich sind, den Islam Verbänden aus. Warum müssen es muslimische Krankenhäuser geben? Alle islamischen Menschen kommen nach Europa, und lassen sich hier behandeln. Warum brauchen wir muslimische Kindergärten? Das ist absurd! Und der Staat macht das mit. Man wiederholt das gleiche, was man mit den Kirchen macht.

    Sie wurden im Oktober 2015 von der AfD nach Charlottenburg-Wilmersdorf als Redner eingeladen. Was motiviert Sie dazu die AFD zu unterstützen? 

    Wenn ich eine Rede halte, heißt es nicht, dass ich die Partei unterstützte. Ich habe auch Reden für die CSU in Augsburg gehalten, die richtige Kritik von mir einstecken musste. Ich habe auch Reden, bei der FDP, bei den Grünen und bei der SPD im Willy-Brandt-Haus gehalten. Es gibt Talkshows, in dem einer gegen vier Leute spricht und genau das macht die AFD stark. Man lässt zu, dass die AFD die Themen setzt und begnügt sich nur damit moralisieren überlegene zu sein. Soll ich jetzt diese Partei und die 20 % der Leute, als nicht Existenz betrachten, weil sie eine falsche Politik betreiben? Nein, ich geh zu dieser Partei und sage, was ich falsch finde. Genau das, habe ich mit meiner Rede gemacht.  

    In Dachau wurde ich von den linksextremsten mit Kerzen beworfen. Sie waren handgreiflich und haben mich umzingelt. Nur zwei konnten mich befreien. Das ist ok, denn das ist demokratisch. Die sind süß, die sind niedlich, weil sie ja Sophie Scholl mit 70-jähriger Verspätung spielen. Sie sind ja gegen die Nazis. Vielleicht bin ich der einzige Schriftsteller, der das wagt, aber ich lasse mich nicht moralisch erpressen. Ich darf alles! Ich bin ein Schriftsteller! Ich bin ein freier Mensch. Ich bin kein Nazi! Ich bin für das verantwortlich, was ich sage und nicht wo ich das sage. Das ist die Demokratie. Wie wäre die Demokratie, wenn wir ausschließlich mit gleichgesinnte sprechen würden und niemals mit unseren Gegnern? Man kommt nicht weiter. Ich habe nicht den Drang mich ständig von der AFD zu distanzieren. Ich bin verantwortlich für das, was ich sage und ich redeüberall. Ich lasse mir das nicht vorschreiben. Ich lasse mich nicht von meiner Islamkritik abbringen, weil manche Leute sagen, dass es vom rechten Rand missbraucht wird.

    Ist der Islam ein Vorwand, denn die arabischen Länder brauchen, um an ihren Diktaturen weiterhin festhalten zu können und Kriege zu führen? 

    Ich war in Ägypten während des Sturzes von Mubarak und habe die Entwicklung der arabischen Welt in einem Buch von mir dokumentiert. Man kann natürlich sagen, dass die Diktaturen nicht anderes zugelassen haben. Sie haben verhindert, dass sich eine Zivilgesellschaft aufbaut. Es konnte sich keine politische Alternative bilden. Ja, die Diktaturen haben diese Rolle gespielt. Die Diktatoren haben die Länder intellektuell, bildungspolitisch und auch gesellschaftlich heruntergewirtschaftet. Daher sind die Islamisten die einzigen, die übrig geblieben sind. Zwar werden sie immer als Gegner des Regimes angesehen, aber sie ergänzen sich gegenseitig sehr gut. Also Ja, das Regime benutzt es als Vorwand, aber der Vorwand ist auch richtig. Also nicht erfunden. Leider ist das ein Teufelskreis, ein Armutszeugnis und ein politischer Bankrott Bekenntnis für die Gesellschaft, wenn man sagt, „das kleinere Übel, ist der Diktator.“  

    Was unterscheidet den Islam vom Christentum im 13. Jahrhundert?

    Nicht viel, wenn die politische Struktur ansehen. Es ist traurig, wenn man seine Gegenwart, mit der Vergangenheit anderer vergleicht. Wenn es wirklich eine Frage der Zeit ist, dann hätten wir es besser machen müssen.  „Ah der Islam ist jetzt, wie das Christentum im 13. Jahrhundert.“ Die Christen haben damals im Mittelalter noch nicht den Buchdruck erfunden; sie hatten das Internet nicht, die Bildung und wir haben jetzt alles. Das ist keine Entschuldigung mehr. Wir können nicht sagen, dass wir 600 Jahre mehr brauchen als die anderen. Das ist die gesenkte Erwartungshaltung. Die Islamische Welt hat einfach verschlafen, von den Errungenschaften des Westens zu profitiert. Der Westen hingegen hat von seinen Errungenschaften als auch die Errungenschaften der Araber profitiert. Es ist eine Art Kompensation vom Frust über diese Entwicklung.  Die arabische Welt hat nichts mehr zu melden oder zu sagen. Wenn es das Erdöl nicht geben würde, hätte die gesamte islamische Region überhaupt kein Wert in der Außenpolitik. Es einfach zu sagen, dass der Westen und der Kapitalismus daran schuld sind. Die Zukunft, in der Vergangenheit zu sehen, mündet im ISIS, weil man in der Gegenwart nichts zu melden hat. 

    Wenn Sie Meinungsmacher wären, wie würden Sie sich einen Europa-tauglichen Islam vorstellen

    Ich würde mir von Theologen und Imamen wünschen, dass sie die Lehre zeitgemäß wiedergeben. Die Tatsache, dass so viel Muslime hier leben und nicht in den arabischen Regionen, muss uns zu denken geben. Wir müssen zugeben, dass dieser Kontinent es geschafft hat, die beste Lebensform zu bieten. Diese Freiheit muss man als Basis ansehen und nicht die Gebote und Verbote. Natürlich muss man sich davon machen authentisch, islamischen Theorien trennen. Diese Weltansicht und die Gesetzte, waren für andere Zeiten gedacht und nicht für die Bedürfnisse unsere heutigen Gesellschaften.  Die Imame und muslimischen Lehrern müssen ohne moralische Mauer den jungen Muslimen helfen. Ich habe großes Mitleid mit jungen Muslimen in Europa. Die jungen Muslime werden von drei Seiten unterdrückt. Einmal von der Familie, dann von der islamischen Gemeinschaft und von deutscher Gesellschaft. Ich hoffe, dass die Theologen und Religionslehrer dies im Blick haben und diesen jungen Menschen Antworten geben können. Vor allem aber ihnen helfen und lehren, dass es kein Widerspruch sein muss, Moslem zu sein und gleichzeitig ein deutscher Teil der Gesellschaft zu sein. Das ist das was ich mir erhoffe.   

    Zusammenfassend lässt sich sagen, dass wenn man über eine Religion diskutiert, sollte man sich nicht nur mit der äußeren Schale auseinandersetzen, sondern sich mehr mit dem Kern befassen. Wir führen endlose Diskussionen über das Kopftuch, dabei verschleiern wir den eigentlichen Problemen, die in der Integration in unserer Gesellschaft verankert sind. An dieser Stelle zitiere ich Herrn Abdel – Samad, mit den Worten: „Wie wäre die Demokratie, wenn wir ausschließlich mit gleichgesinnte sprechen würden und niemals mit unseren Gegnern?“.