Kategorie: Orient-ierungslos,

  • Erê, ich will!

    Erê, ich will!

    Wenn die Eheschließung zum politischen Diskurs über Integration wird

    „War ja klar, dass du am Ende doch einen Kurden/eine Kurdin heiratest.“

    Solche Kommentare kommen häufig ausgerechnet von Menschen, die selbst in der Diaspora leben und ernsthaft meinen, eines der größten Indizien für Modernität sei die Beziehung mit einem Nicht-Kurden. Doch stimmt das?

    Offenbar existiert da draußen irgendwo ein Integrations-TÜV, von dem ich bisher nichts wusste. Deutsch sprechen: bestanden. Ausbildung oder Studium: bestanden. Arbeiten, Steuern zahlen, einen Freund oder eine Freundin aus einem anderen Herkunftsland haben: alles wunderbar.

    Aber dann heiratest du einen Kurden und plötzlich leuchtet die Warnlampe:

    „Schade. War wohl doch nichts mit der Integration. Du bist ja doch nur ein dummer Bauer, der auf Mama und Papa hört.“

    Wer bestimmt eigentlich, was modern ist?

    Genau hier möchte ich eine einfache Frage stellen: Wenn zwei Deutsche sich kennenlernen, verlieben und heiraten, würde irgendjemand ernsthaft danebenstehen und fragen, warum sie bei der Partnerwahl nicht etwas weltoffener waren?

    Natürlich nicht.

    Wenn zwei Menschen mit Migrationsgeschichte dasselbe tun, verändert sich erstaunlich schnell die Interpretation. Plötzlich steht nicht mehr die Beziehung im Mittelpunkt, sondern die Herkunft. Dann fallen Begriffe wie „traditionell“, „konservativ“ oder gleich „rückständig“.

    Besonders ironisch ist, dass solche Urteile ausgerechnet häufig von Menschen kommen, die sich selbst für ausgesprochen offen, modern und progressiv halten.

    Kultur? Sehr gerne.

    Aber bitte die richtige.

    Matcha Latte to go, Sushi-Date, Babyshower oder Gender-Reveal-Party? Modern, international, selbstverständlich. Da wird importiert, dekoriert, konsumiert und anschließend natürlich gepostet.

    Sobald Kultur jedoch nicht aus irgendeinem Trendregal stammt, sondern tatsächlich gelebt wird und die eigene Sprache, Familie, Partnerwahl oder Identität prägt, wird aus vermeintlicher Weltoffenheit erstaunlich schnell Unbehagen.

    Kulturelle Vielfalt ist offenbar besonders attraktiv, solange sie sich kaufen, fotografieren und anschließend wieder wegräumen lässt.

    Das Eigene dauerhaft zu leben, ist dagegen plötzlich verdächtig.

    Besonders bemerkenswert wird es am kurdischen Beispiel. Bei uns scheint sich die absurde Vorstellung festgesetzt zu haben, alles Eigene möglichst weit von sich wegschieben zu müssen, um am Puls der Zeit zu leben.

    Es grenzt schon an Selbstkasteiung, wie normal es für viele geworden ist, sich von Sprache, Tradition und Herkunft emanzipieren zu müssen, um überhaupt als angekommen zu gelten.

    Natürlich fällt ein solches Verhalten nicht vom Himmel. Wer über Generationen erlebt hat, dass die eigene Sprache eingeschränkt, die eigene Identität politisiert und das eigene Kurdischsein zum Problem erklärt wurde, beginnt irgendwann selbst damit, diese Abwertung an die nächste Generation weiterzugeben.

    Mich erinnert das an einen Satz aus The Fresh Prince of Bel-Air:

    „Wir haben so sehr darauf geachtet, dass unsere Kinder das haben, was wir nicht hatten, und dabei vergessen, ihnen das mitzugeben, was wir hatten.“

    Womöglich liegt genau darin eine unserer bittersten Realitäten: Aus Angst, unsere Kinder könnten wegen ihres Kurdischseins dieselben Nachteile erfahren wie wir, bringen wir ihnen irgendwann selbst bei, davon möglichst wenig zu zeigen.

    Ankommen, ohne sich aufzugeben

    Integration bedeutet für mich, Teil einer Gesellschaft zu sein – nicht, sich so lange abzuschleifen, bis von der eigenen Herkunft möglichst wenig übrigbleibt.

    Umso paradoxer ist es, dass wir uns ausgerechnet in einem privilegierten Land von unserer eigenen Kultur entfernen – in einem Land, das kulturelle Vielfalt so gerne zu seinem Selbstbild erklärt.

    Vielleicht nicht unbedingt zum Stadtbild. Aber das ist noch einmal ein eigenes Thema.

    Das Eigene hat Konjunktur

    Interessant wird es nämlich dort, wo man einen Blick auf die politische Realität wirft.

    Auch in Deutschland gelten traditionelle Familienbilder, Heimatverbundenheit oder konservative Vorstellungen keineswegs automatisch als modern. Gerade deshalb ist bemerkenswert, wie stark Parteien mobilisieren können, die Begriffe wie Heimat, kulturelle Identität, traditionelle Familie und den Erhalt des Eigenen wieder offensiv besetzen.

    Bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt erreichte die AfD zuletzt 43,8 Prozent. Die CDU kam auf 17,2 Prozent.

    Natürlich hat niemand ernsthaft 43,8 Prozent der Stimmen ausschließlich wegen eines Familienbildes oder wegen ein paar wohlklingender Begriffe wie Heimat und Tradition abgegeben. Ein solcher Zuspruch entsteht schließlich nicht im luftleeren Raum.

    Er zeigt jedoch eines sehr deutlich: Das Bedürfnis nach Zugehörigkeit, Vertrautem, kultureller Identität und Kontinuität ist keineswegs irgendein exotischer Tick migrantischer Communities.

    So rückständig kann dieses Bedürfnis also offenbar nicht sein.

    Schließlich lässt sich damit ziemlich erfolgreich Politik machen.

    Was man nicht ständig erklären muss

    Dabei sind die Gründe, weshalb sich zwei Menschen aus demselben kulturellen Umfeld zueinander hingezogen fühlen, oft sehr viel komplexer, als das bequeme Schlagwort von der „Abschottung“ vermuten lässt.

    Nehmen wir allein die Sprache.

    Die Muttersprache ist nicht einfach nur das erste Kommunikationsmittel, das wir erlernen. In ihr werden wir getröstet, ausgeschimpft und zum ersten Mal beim Namen gerufen. In ihr entstehen Kindheit, Humor, Scham, Nähe und all die kleinen Zwischentöne, die sich zwar übersetzen lassen, aber eben nicht immer gleich anfühlen.

    Dass das nicht bloß Sentimentalität ist, zeigt auch die Forschung. Früh erlernte Sprachen können besonders eng mit autobiografischen Erinnerungen und Emotionen verbunden sein. Man kann eine zweite Sprache perfekt beherrschen und trotzdem merken, dass ein Satz der eigenen Großmutter in der Muttersprache etwas auslöst, das keine noch so korrekte Übersetzung erreicht.

    Am kurdischen Beispiel kommt noch ein signifikanter Punkt hinzu: Kurdisch war über Generationen eben nicht einfach nur eine Sprache unter vielen. In mehreren Staaten, in denen Kurden leben, wurde sie aus Schulen und Teilen des öffentlichen Lebens verdrängt, eingeschränkt oder politisch verdächtig gemacht.

    Viele lernten sie deshalb dort, wo sie ihnen niemand nehmen konnte: zu Hause. Von Eltern und Großeltern, zwischen Küche, Wohnzimmer und Familienbesuchen.

    Wer seine Muttersprache über Generationen bewahren musste, für den ist sie irgendwann mehr als Kommunikation. Sie wird Erinnerung, Zugehörigkeit und manchmal auch der Beweis, dass man noch da ist.

    Doch Vertrautheit entsteht nicht nur durch Worte.

    Loyalitäten, Erwartungen, Verpflichtungen und ein Familien-WhatsApp-Chat, der binnen fünf Minuten zur außenpolitischen Lage eskalieren kann, sind nicht unbedingt jedermanns Sache.

    Manchmal entsteht Nähe eben auch daraus, dass man nicht bei Adam und Eva anfangen muss. Dass der andere versteht, warum ein Anruf aus der Heimat plötzlich alles verändert, warum Familie bei uns selten nur „Mama, Papa, Kind“ bedeutet und weshalb bestimmte Orte, Lieder oder Nachrichten mehr auslösen, als eine nüchterne Übersetzung jemals vermitteln könnte.

    Natürlich kann auch ein Nicht-Kurde all das verstehen. Darum geht es überhaupt nicht.

    Aber vielleicht sollten wir aufhören, so zu tun, als wäre es verdächtig, wenn zwei Menschen sich gerade deshalb näherkommen, weil sie sich in bestimmten Dingen nicht erst gegenseitig eine Bedienungsanleitung für ihr Leben vorlesen müssen.

    Hier geht es immer noch um Emotionen, Anziehung, Vertrautheit und zwischenmenschliche Nähe.

    Mein Partner sollte kein Accessoire für einen möglichst progressiv kuratierten Instagram-Feed sein.

    Und ich werde sicher nicht anfangen, meine Bettkante ethnisch divers zu besetzen, damit irgendjemand mich für besonders open-minded hält.

    Tradition endet dort, wo Zwang beginnt

    Natürlich gibt es innerhalb kurdischer Familien Vorstellungen darüber, wen die eigenen Kinder heiraten sollen. Es wäre schlicht gelogen, das an dieser Stelle zu verleugnen.

    Sozialer Druck, Erwartungen und Grenzen sind dabei nicht zu unterschätzen. Dort, wo aus einer persönlichen Entscheidung eine familiäre Verpflichtung wird, muss man darüber sprechen.

    Tradition kann erklären, warum bestimmte Erwartungen existieren. Sie darf aber niemals als Rechtfertigung dafür dienen, einem Menschen die Entscheidung über das eigene Leben abzunehmen.

    Zwang bleibt Zwang – auch wenn man ihn Tradition nennt.

    Doch womöglich liegt hier noch ein anderes Problem: Wir betrachten unsere eigenen Traditionen zwangsläufig als hinterwäldlerisch, wenn wir alles Moderne, Fortschrittliche und Freie grundsätzlich nur außerhalb unserer eigenen Gesellschaft suchen.

    Modern? Ja bitte – aber nur bei den anderen.

    Statt die eigenen Strukturen zu hinterfragen und neu zu definieren, suchen wir Fortschritt lieber im Äußeren.

    Als müsste man die eigene Kultur verlassen, um sich zu entfalten, anstatt sie selbst mitzugestalten.

    Eine Gesellschaft entwickelt sich aber nicht weiter, wenn diejenigen, die sich für fortschrittlich halten, sie verlassen und anschließend von außen auf sie herabschauen. Fortschritt muss auch innerhalb der eigenen Kultur möglich werden.

    Sonst überlassen wir anderen irgendwann ganz selbstverständlich die Deutungshoheit darüber, was für uns modern, frei und fortschrittlich zu sein hat.

    Und vielleicht ist genau das so bequem: Fremde Maßstäbe lassen sich wesentlich leichter übernehmen, als die eigenen Strukturen mühsam zu verändern.

    Vielfalt bis zur Unkenntlichkeit

    Spätestens hier beginnt die ganze Vorstellung von Fortschritt, sich selbst zu widersprechen.

    Denn je lauter Individualität, Diversity und Wokeness beschworen werden, desto genauer scheint inzwischen die Schablone zu sein, in die ein moderner, aufgeschlossener Mensch passen soll.

    Was genau bleibt von Vielfalt übrig, wenn beim verzweifelten Versuch, möglichst individuell zu wirken, am Ende alle gleich aussehen, gleich denken und nach denselben Maßstäben leben?

    Ist es nicht lediglich eine hübsch etikettierte Einheitsmasse, die sich für Individualität hält?

    Manche von uns haben wohl einfach den Algorithmus mit der Realität verwechselt.

    In deiner Welt nennt man das vielleicht offen und modern.

    In meiner Identitätskrise und Selbstverleugnung.

    Freiheit, aber bitte nach Vorschrift

    Und hier schließt sich der Kreis.

    Ausgerechnet diejenigen, die Selbstbestimmung so gerne zur obersten Maxime erklären, werden erstaunlich bestimmend, sobald eine freie Entscheidung nicht ihrem Bild von Modernität entspricht.

    Einen Menschen für rückständig zu erklären, weil er sich freiwillig für einen Partner aus dem eigenen Kulturkreis entscheidet, ist schon bemerkenswert.

    Sich dabei gleichzeitig für fortschrittlich zu halten und ihm erklären zu wollen, wie eine moderne Partnerwahl gefälligst auszusehen hat, ist Rückständigkeit im progressiven Kostüm.

    Im Grunde lässt sich das auf einen Satz herunterbrechen:

    Es ist pure Assimilation unter dem Deckmantel moderner Selbstinszenierung.

  • Und was ist mit Syrien?

    Und was ist mit Syrien?

    Griechenland, Ukraine, Russland, Deutschland, Israel, Ägypten, Saudi-Arabien und die USA haben angeboten, die Menschen zu unterstützen, die bei dem verheerenden Erdbeben, in der türkisch-syrischen Grenzregion auf Hilfe angewiesen sind. Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan hat unmittelbar danach sich zu Wort gemeldet und rief vor mehreren Stunden eine einwöchige Staatstrauer aus. Auch in Europa, wo viele Türken seit mehreren Generationen leben, wurde innerhalb weniger Stunden sehr viele Spenden gesammelt und Hilfsgüter organisiert, um sie in die Türkei zu schicken. Es ist bemerkenswert und lobenswert, was die türkischen Bürger sowohl im Land als auch außerhalb des Landes bisher für ihre Landsleute ausrichten konnten. Doch was ist mit Syrien?

    Keine Rede ans eigene Volk

    Während andere Präsidenten, wie Wolodymyr Selenskyj auch ihre Hilfe anbieten, obwohl der Krieg in der Ukraine noch herrscht, schafft es der syrische Präsident Bashar Al-Assad nicht mal eine Rede an das eigene Volk zu richten. Die einzigen, die sich in Syrien zu Wort melden, sind Hilfsorganisationen wie die Weißhelme und das syrische Kabinett. Erst 24 Stunden nach der Katastrophe, forderte das syrische Kabinett in Damaskus nach internationaler Hilfe.

    Kein Leid sollte gegeneinander aufgerechnet werden

    Hinzu kommt die Problematik der politischen Spannungen innerhalb des Landes. Das syrische Kabinett spricht über die dramatischen Zerstörungen in der Stadt Idlib, die sich im Nordwesten von Syrien befindet, aber über die Stadt Afrin, die überwiegend von Kurden bevölkert wird und näher am Epizentrum liegt, wurde kein Wort verloren. Dasselbe gilt auch für diverse Vororte von Aleppo. Dort leben sehr viele Flüchtlinge, die innerhalb ihres Landes geflohen sind und bis vor kurzem in Auffanglager gelebt haben, die nun nach dem Beben nicht mehr bewohnbar sind. An solchen Tagen sollte weder die Ethnie, noch die Konfession oder Volkszugehörigkeit eine Rolle spielen. Deshalb ist es wichtig, dass alle benannt werden und nicht nur vereinzelte Regionen oder Volksgruppen. Da in der Berichtserstattung von Syrien bisher noch keine presse-tauglichen Großaufnahmen gemacht werden konnten, gehen viele davon aus, dass es in dieser Region nicht so schlimme Auswirkungen gab. Dabei vergessen diese Personen, dass die Menschen in Syrien nicht einfach zur nächsten Stadt fahren können, um sich aufzuwärmen, Wasser zu besorgen oder Strom zu organisieren. Das Land war bereits zerstört und wurde jetzt quasi dem Erdboden gleich gemacht. Daher ist es umso trauriger, dass weder etwas nach außen noch nach innen dringen kann.

    Syriens fehlende Strukturen

    Syrien ist ein Land, welches sich seit inzwischen 12 Jahren in einem Kriegszustand befindet. Es ist nicht so wie der Krieg in der Ukraine, in dem früh festgelegt worden ist, wer die „Guten“ und wer die „Bösen“ sind. Es ist auch nicht wie im Iran, in der viele Frauen weltweit sich mit den Protesten solidarisch zeigen konnten. Syrien wird von mehreren verschiedenen Milizen kontrolliert und hat kein funktionierendes System. Zwischen jedem Ort gibt es sogenannte Check-Points, die man nicht ohne weiteres überqueren kann. Es gibt Familien, die sich deshalb seit Jahren nicht gesehen haben und nicht mehr in ihre Häuser zurückkehren können. Diese Menschen haben es trotz dessen irgendwie geschafft, mit der Lage umzugehen. Doch nach diesem fatalen Erdbeben ist das Leben in diesen Gebieten unmöglich geworden. Vorher war es bereits eine Herausforderung genügend Strom und Wasser zu haben, doch nun ist es fast unmöglich. Das ist mit einer der Gründe, warum in den Medien die Bilder aus der Türkei so präsent sind, aber kaum was aus Syrien nach außen dringt. Das Ausmaß der Zerstörung ist besorgniserregend groß und bis jetzt sind unzählige Menschen unter diesen Trümmern begraben. Es gibt nicht genügend Hilfskräfte, um die Opfer zu bergen, nichts ist gewährleistet und die Grenzen sind seitens der türkischen Regierung verschlossen. Unter diesen Voraussetzungen ist es sehr schwierig, Hilfe in Syrien zu leisten.

    Die syrische Bevölkerung erschüttert nichts mehr

    Die letzten noch stehenden Gebäude sind vielleicht noch zu erschüttern, doch leider erschüttert die syrische Bevölkerung nichts mehr! Aus der türkischen Berichtserstattung wird gezeigt, wie sogar Tiere gerettet, während in Syrien unklar ist, ob noch lebende Menschen geborgt werden können. Das zeigt wiederum deutlich, welches Bewusstsein die türkische Bevölkerung zu Zerstörung und Leid hat, während in Syrien das quasi mittlerweile zur Tagesordnung gehört. Die Menschen in Syrien sind im wahrsten Sinne des Wortes nicht mehr am Leben, sondern nur noch am Überleben.

  • „Wir Muslime machen grade mal 5% der deutschen Bevölkerung aus, doch bestimmen zu 50% die Schlagzeilen.“

    „Wir Muslime machen grade mal 5% der deutschen Bevölkerung aus, doch bestimmen zu 50% die Schlagzeilen.“

    Das sagte der Schriftsteller Hamed Abdel Samad in einem Interview mit der Huffington Post. Herr Abdel – Samad wurde mit seinen polarisierenden Büchern, in dem er den Islam analysiert, in der Öffentlichkeit bekannt. Kaum eine andere Debatte wird so oft geführt, wie die über den Islam. Die Meinungen dazu sind oft emotional aufgeladen und werden sehr monoton geführt. Daher wurde es Zeit Fragen zu stellen, die über das Kopftuch hinaus gehen.

    Sie kritisieren den Islam und sprechen über die überfällige Reformierung des Islams: Was haben Sie (abgesehen von ihren Büchern) zur Reformierung beigetragen?

    „Ich bin in erster Linie ein Schriftsteller. Ich bin weder ein Reformer noch ein Sozialarbeiter oder ein Politiker, um Lösungen anzubieten. Karl Kraus hat mal gesagt:

    „Ich kann keine Eier legen aber sehen, wenn ein Ei faul ist oder nicht.“ Ein Schriftsteller ist ein Analytiker.  Ich zerlege den Islam in mehreren Teilen. Jedoch erkenne ich an, dass mache Teile dieser Religion angenehm und für die Menschen notwendig sind. Ich habe das an meiner Familie gesehen. Die allgemeinen Prinzipien, die Idee, dass nach dem Tod noch etwas auf uns wartet. All das ist ok und das kritisiere ich auch gar nicht. Doch die Religion hat auch eine politische und juristische Seite, die gefährlich ist und jeden Tag Opfer kostet. Ich weiß, dass viele Muslime, (die ihre eigene Religion nicht richtig kennen), aus ihrer Emotionalität heraus den Drang haben sich zu verteidigen. Daher dulden bzw. akzeptieren sie keine Kritik. Ich sehe den Koran als Supermarkt. Man kann sich darin bedienen. Die Waren darin sind nicht sortiert. Genau das mache ich in meinem neuen Buch. Ich spiele die Rolle des Verbraucherschützers. Ich sortiere die Ware historisch ein. Ich werde dafür angegriffen, weil ich die Passagen aus dem Koran einordne. Allein das macht die Leute sauer. Die Leute bei uns stehen scheinbar nicht auf Verbraucherschutz.  

    Wenn man in Deutschland über den Islam redet, sind die Meinungen oft sehr extrem. Glauben Sie, dass Sie mit ihren Büchern so gut ankommen, weil sie einen Nerv der Gesellschaft getroffen haben oder weil Sie ein talentierter Schriftsteller sind?

    Es gab vor mir ein Buch mit dem Titel, „die Verbrechen des Propheten Mohammed“. Kein Mensch hat das Buch gekauft oder gelesen. Das Buch war ein Flop. Die Menschen haben kein Interesse an plumpe Beschimpfungen. Ich kenne mich aus in dieser Szene. Die Menschen lesen Bücher, wenn die Analyse einen gewissen Sinn macht. Ich glaube, dass ist der Grund, warum sich meine Bücher so gut verkaufen. Solche Bücher gibt es vielleicht in der Wissenschaft, wo nur 500 Leute das Buch lesen. Aber für die breite Leserschaft gibt es das nicht. 

    Bücher verkaufen sich gut, wenn man den Islam kritisiert? – Stimmt überhaupt nicht!  Also ich bin Analytiker und kein Kritiker. Ich bin Politikwissenschaftler, ich habe Geschichte an der Uni gelehrt. Das ist mein Fachgebiet und die Leute merken das, wenn sie meine Bücher lesen  

    Weshalb neigen wir oft dazu, den Islam ein Täter oder Opferrolle zu zuspielen?

    Das ist eine gute Frage und ein ernsthaftes Problem. Die Debatte wird sehr emotional geführt. Zwei Seiten schaukeln sich immer gegenseitig. Die eine Seite von Ängsten und die andere Seite von Arroganz. Es gibt Muslime, die Angst haben vor ihrem Identitätsverlust – besonders in Europa und deshalb hängen sie an den Islam, wie ein Kind an dem Kleid seiner Mutter. Dann gibt es da die deutsche Gesellschaft, die jeden Tag Nachrichten sieht und verunsichert wird.  Wir machen 5% der deutschen Gesellschaft aus, aber bestimmen 50% der Schlagzeilen. Und das wirkt sich natürlich auch für die Wahrnehmung dieser Leute aus. Wir werden größer gemacht als wir sind. Aber das sind echte Nachrichten. Sie sind nicht ausgedacht oder erfunden. Hinzu kommt die Arroganz vom rechtsradikalen Rand, der sich moralisch überlegen fühlt. Diese Leute sind auch nicht an einer Debatte interessiert und schmeißen alles in einem Topf. All diese Ängste schaukeln sich gegenseitig.

    Es gibt Interviews von Ihnen, in dem Sie klar sagen, dass Sie zwischen Muslime und den Islam trennen. Glauben Sie, dass ihre Leser dies auch tun, wenn Sie ihre Bücher lesen?

    Ja, weil ich das Gleiche auch in meinen Büchern schreibe. Menschen und Ideologien sind nicht das Gleiche. Die Islamisten wollen genau das. Sie wollen die Muslime und den Islam gleichsetzten.  Wir wollen über Integration reden aber bauen dabei immer mehr Moscheen.  Die Rolle der Integration und der Gesellschaft wird mit der Religion verbunden. Wenn man sich auf die Islam Verbände verlässt, erreicht man keine Integration. Höchstens die politische Aufrechterhaltung.  Die Menschen sind vielschichtiger und interessanter, als ihre Religion. Die Islam Verbände möchten die Rolle des Seelsorgers im Religionsunterricht spielen. Sie befestigt eine konservative Rolle des Islams. Sie liefert den normalen Muslimen, die mehrheitlich friedlich sind, den Islam Verbänden aus. Warum müssen es muslimische Krankenhäuser geben? Alle islamischen Menschen kommen nach Europa, und lassen sich hier behandeln. Warum brauchen wir muslimische Kindergärten? Das ist absurd! Und der Staat macht das mit. Man wiederholt das gleiche, was man mit den Kirchen macht.

    Sie wurden im Oktober 2015 von der AfD nach Charlottenburg-Wilmersdorf als Redner eingeladen. Was motiviert Sie dazu die AFD zu unterstützen? 

    Wenn ich eine Rede halte, heißt es nicht, dass ich die Partei unterstützte. Ich habe auch Reden für die CSU in Augsburg gehalten, die richtige Kritik von mir einstecken musste. Ich habe auch Reden, bei der FDP, bei den Grünen und bei der SPD im Willy-Brandt-Haus gehalten. Es gibt Talkshows, in dem einer gegen vier Leute spricht und genau das macht die AFD stark. Man lässt zu, dass die AFD die Themen setzt und begnügt sich nur damit moralisieren überlegene zu sein. Soll ich jetzt diese Partei und die 20 % der Leute, als nicht Existenz betrachten, weil sie eine falsche Politik betreiben? Nein, ich geh zu dieser Partei und sage, was ich falsch finde. Genau das, habe ich mit meiner Rede gemacht.  

    In Dachau wurde ich von den linksextremsten mit Kerzen beworfen. Sie waren handgreiflich und haben mich umzingelt. Nur zwei konnten mich befreien. Das ist ok, denn das ist demokratisch. Die sind süß, die sind niedlich, weil sie ja Sophie Scholl mit 70-jähriger Verspätung spielen. Sie sind ja gegen die Nazis. Vielleicht bin ich der einzige Schriftsteller, der das wagt, aber ich lasse mich nicht moralisch erpressen. Ich darf alles! Ich bin ein Schriftsteller! Ich bin ein freier Mensch. Ich bin kein Nazi! Ich bin für das verantwortlich, was ich sage und nicht wo ich das sage. Das ist die Demokratie. Wie wäre die Demokratie, wenn wir ausschließlich mit gleichgesinnte sprechen würden und niemals mit unseren Gegnern? Man kommt nicht weiter. Ich habe nicht den Drang mich ständig von der AFD zu distanzieren. Ich bin verantwortlich für das, was ich sage und ich redeüberall. Ich lasse mir das nicht vorschreiben. Ich lasse mich nicht von meiner Islamkritik abbringen, weil manche Leute sagen, dass es vom rechten Rand missbraucht wird.

    Ist der Islam ein Vorwand, denn die arabischen Länder brauchen, um an ihren Diktaturen weiterhin festhalten zu können und Kriege zu führen? 

    Ich war in Ägypten während des Sturzes von Mubarak und habe die Entwicklung der arabischen Welt in einem Buch von mir dokumentiert. Man kann natürlich sagen, dass die Diktaturen nicht anderes zugelassen haben. Sie haben verhindert, dass sich eine Zivilgesellschaft aufbaut. Es konnte sich keine politische Alternative bilden. Ja, die Diktaturen haben diese Rolle gespielt. Die Diktatoren haben die Länder intellektuell, bildungspolitisch und auch gesellschaftlich heruntergewirtschaftet. Daher sind die Islamisten die einzigen, die übrig geblieben sind. Zwar werden sie immer als Gegner des Regimes angesehen, aber sie ergänzen sich gegenseitig sehr gut. Also Ja, das Regime benutzt es als Vorwand, aber der Vorwand ist auch richtig. Also nicht erfunden. Leider ist das ein Teufelskreis, ein Armutszeugnis und ein politischer Bankrott Bekenntnis für die Gesellschaft, wenn man sagt, „das kleinere Übel, ist der Diktator.“  

    Was unterscheidet den Islam vom Christentum im 13. Jahrhundert?

    Nicht viel, wenn die politische Struktur ansehen. Es ist traurig, wenn man seine Gegenwart, mit der Vergangenheit anderer vergleicht. Wenn es wirklich eine Frage der Zeit ist, dann hätten wir es besser machen müssen.  „Ah der Islam ist jetzt, wie das Christentum im 13. Jahrhundert.“ Die Christen haben damals im Mittelalter noch nicht den Buchdruck erfunden; sie hatten das Internet nicht, die Bildung und wir haben jetzt alles. Das ist keine Entschuldigung mehr. Wir können nicht sagen, dass wir 600 Jahre mehr brauchen als die anderen. Das ist die gesenkte Erwartungshaltung. Die Islamische Welt hat einfach verschlafen, von den Errungenschaften des Westens zu profitiert. Der Westen hingegen hat von seinen Errungenschaften als auch die Errungenschaften der Araber profitiert. Es ist eine Art Kompensation vom Frust über diese Entwicklung.  Die arabische Welt hat nichts mehr zu melden oder zu sagen. Wenn es das Erdöl nicht geben würde, hätte die gesamte islamische Region überhaupt kein Wert in der Außenpolitik. Es einfach zu sagen, dass der Westen und der Kapitalismus daran schuld sind. Die Zukunft, in der Vergangenheit zu sehen, mündet im ISIS, weil man in der Gegenwart nichts zu melden hat. 

    Wenn Sie Meinungsmacher wären, wie würden Sie sich einen Europa-tauglichen Islam vorstellen

    Ich würde mir von Theologen und Imamen wünschen, dass sie die Lehre zeitgemäß wiedergeben. Die Tatsache, dass so viel Muslime hier leben und nicht in den arabischen Regionen, muss uns zu denken geben. Wir müssen zugeben, dass dieser Kontinent es geschafft hat, die beste Lebensform zu bieten. Diese Freiheit muss man als Basis ansehen und nicht die Gebote und Verbote. Natürlich muss man sich davon machen authentisch, islamischen Theorien trennen. Diese Weltansicht und die Gesetzte, waren für andere Zeiten gedacht und nicht für die Bedürfnisse unsere heutigen Gesellschaften.  Die Imame und muslimischen Lehrern müssen ohne moralische Mauer den jungen Muslimen helfen. Ich habe großes Mitleid mit jungen Muslimen in Europa. Die jungen Muslime werden von drei Seiten unterdrückt. Einmal von der Familie, dann von der islamischen Gemeinschaft und von deutscher Gesellschaft. Ich hoffe, dass die Theologen und Religionslehrer dies im Blick haben und diesen jungen Menschen Antworten geben können. Vor allem aber ihnen helfen und lehren, dass es kein Widerspruch sein muss, Moslem zu sein und gleichzeitig ein deutscher Teil der Gesellschaft zu sein. Das ist das was ich mir erhoffe.   

    Zusammenfassend lässt sich sagen, dass wenn man über eine Religion diskutiert, sollte man sich nicht nur mit der äußeren Schale auseinandersetzen, sondern sich mehr mit dem Kern befassen. Wir führen endlose Diskussionen über das Kopftuch, dabei verschleiern wir den eigentlichen Problemen, die in der Integration in unserer Gesellschaft verankert sind. An dieser Stelle zitiere ich Herrn Abdel – Samad, mit den Worten: „Wie wäre die Demokratie, wenn wir ausschließlich mit gleichgesinnte sprechen würden und niemals mit unseren Gegnern?“.