Kategorie: Un-geh-hindert

Alles zum Thema rundum Inklusion und was dazu gehört.

  • Deutschland schaltet ab: Wenn Wahlkampf zur peinlichen Inszenierung verkommt

    Deutschland schaltet ab: Wenn Wahlkampf zur peinlichen Inszenierung verkommt

    Abertausende gehen seit geraumer Zeit gegen den Rechtsdruck in Deutschland auf die Straße und klopfen sich dabei gegenseitig mit einer moralischen Überheblichkeit auf die Schultern, als wäre ihr Auftrag auf Erden damit erfüllt. Dabei scheint dieses Land nur noch rechts oder links zu kennen – die Mitte hat quasi keine Relevanz mehr, für niemanden! Vor lauter politischer Korrektheit taumelt das Volk nur noch vor sich hin, als wäre es den Leuten völlig abhandengekommen, sich über die wahren Probleme dieses Landes zu echauffieren.

    • Altersarmut,
    • Fachkräftemangel,
    • die rezessionsgeplagte Wirtschaft,
    • der Bildungsnotstand oder
    • die mangelnde Gesundheitsversorgung?

    Alles Nebensache – interessanter scheint da nur, sich den nächsten großen Sündenbock ins Visier nehmen – vorzugsweise den ‚lästigen Parasiten‘ namens ‚Ausländer‘, um selbst nicht in den Spiegel schauen zu müssen.

    Der linke Sektor sollte sich jetzt aber nicht einbilden, viel besser zu sein – er nutzt ebenfalls nur die vermeintlich gescheiterte Migrationspolitik für seine Zwecke. Jetzt, wo endlich wieder Zeit für den Wahlkampf ist und die saisonbedingten Aufrufe nach „Intifada“ hinter ihnen liegen, kümmert sich die Partei wieder um ihr Steckenpferd: lautstarke Symbolpolitik, die großartig klingt – und an den eigentlichen Problemen konsequent vorbeischlittert.

    Während vor Kurzem noch Themen wie der Klimawandel ohrenbetäubend lautstark durch sämtliche Medien getrieben wurden, herrscht inzwischen nur noch das Klima des Fremdschämens. Man könnte fast glauben, in diesem Land stünde jeder in einer mentalen Warteschlange, geduldig darauf hoffend, als Nächster von der Verantwortung verschont zu bleiben. Eine Bevölkerung, der offenbar alles egal ist und die die Frage nach dem Migrationsproblem so behandelt, als wäre sie eine Quantenphysik-Gleichung, ist offenbar nicht mehr in der Lage, eins und eins zusammenzuzählen.

    Aber ist diese Gleichung wirklich so kompliziert? Oder ist sie nicht doch durchsichtiger als die billige Argumentation von Alice Weidel? Klingen die Worte der Politiker nicht alle längst wie auswendig gelernt – während das Volk dabei völlig vergessen hat, seine eigene Hauptrolle einzunehmen? Ja, hat diese Gesellschaft so kurz vor der Wahl wirklich den Verstand verloren? Wie kann es sein, dass ein Staat in der Lage ist, nach 6 Jahren einen Differenzbetrag von 1,62 Euro für das Finanzamt einzutreiben, aber bei scheinbar unzähligen illegalen, straffälligen Migranten, die glauben, im Film „The Purge“ gefangen zu sein, nichts unternimmt?!

    Wozu gibt es dann überhaupt Gesetze? Warum heißt es in so vielen Fällen, sie seien „durchs System gerasselt“? Wäre es nicht an der Zeit, genau dieses System selbst anzuprangern, anstatt pauschal jene zu verurteilen, die seit ihrer Ankunft nichts anderes tun, als zu arbeiten und Teil dieses Landes zu werden? Ob Hans-Dieter bewusst ist, dass „blau“ zu wählen am Ende auch ein blaues Wunder beschert – ohne Papa Staats Hilfe und ohne das günstige Gemüse von Mustafa, dessen Vater vermutlich schon als Gastarbeiter hier gearbeitet hat.

    Manchmal wünscht man sich glatt diese „glorifizierte Alternative“ an der Regierungsspitze, um dann schadenfroh zuzusehen, wie sich dieses Volk selbst in die Misere reitet, während nach und nach ihre gesamte Partei entzaubert wird. Ganz wie das politische Pendant zur Kutsche von Aschenputtel – am Ende bleibt nur ein zermatschter Kürbis.

    Das Problem an der ganzen Sache ist, dass wir alle im selben Boot sitzen, und genau das macht es so tragisch: Während wir über die geflohenen Bootsinsassen richten, lassen wir das eigene, längst leckgeschlagene Gefährt weiter sinken. Was bleibt, ist die Frage, ob wir je begreifen werden, wie absurd diese Inszenierung ist – und wann wir endlich jenen Wahnsinn beim Namen nennen, der uns in unserer eigenen Selbstgefälligkeit gefangen hält.

  • Nicht euer Humor, sondern unsere Realität

    Nicht euer Humor, sondern unsere Realität

    Mit Satire und Ironie kann nicht jeder umgehen – das erfordert Intelligenz. Wer das nicht hat, sollte lieber bei seinen flachen, infantilen Witzen bleiben. Hört auf, offensichtliche Halb-Trotteln, die an der Grenze zur geistigen Behinderung stehen, so viel Aufmerksamkeit zu schenken und kümmert euch endlich um echte Probleme! Wem die Belange von Menschen mit Behinderungen wirklich am Herzen liegen, der sollte:

    • dafür kämpfen, dass sie fair bezahlt werden, statt in Behindertenwerkstätten ausgebeutet zu werden,

    • barrierefreie Infrastrukturen fordern, damit Menschen mit Behinderungen überhaupt an der Gesellschaft teilhaben können,

    • sich für mehr behindertengerechte Wohnungen einsetzen,

    • gegen Diskriminierung auf dem Arbeitsmarkt protestieren und

    • für eine menschenwürdige Pflege kämpfen!

    Im Gegensatz zu anderen vermeintlichen Randgruppen haben Menschen mit Behinderungen wenig davon, wenn man sie nur politisch korrekt anspricht, während ihr Umfeld gar nicht darauf ausgelegt ist, sie wirklich in die Gesellschaft einzubinden. Es bringt uns nichts, höflich behandelt zu werden, wenn die Welt um uns herum uns weiterhin ausschließt.

    Unser wahres Problem sind die alltäglichen Hürden, die unsere Lebensqualität bestimmen. Deswegen können wir uns solche Banalitäten nicht leisten! Nenn mich ruhig ‚der Rollstuhl‘, solange ich im Winter jedes Restaurant betreten kann, ohne vor Treppen zu stehen. Du darfst mich gerne ‚behindert‘ nennen, wenn ausreichend barrierefreie Toiletten vorhanden sind. Sag meinetwegen ’nicht normal‘ zu mir, solange ich ohne Probleme auf der anderen Straßenseite fahren kann.

    Serdar Somuncu sagte einmal: „Jede Minderheit hat das Recht auf Diskriminierung.“ Für uns Menschen mit Behinderungen bedeutet das, dass wir oft so wenig Beachtung in der Gesellschaft finden, dass wir fast dankbar sind, wenn wir überhaupt mal auf humorvolle Weise erwähnt werden. Unsere Toleranz für Humor ist daher oft höher als die von Menschen, die nicht betroffen sind – einfach, weil wir froh sind, wenigstens auf diese Weise mal berücksichtigt zu werden. Viele von uns haben deshalb ein dickes Fell entwickelt. Trotzdem sind wir nicht alle derselben Meinung: Manche von uns empfinden bestimmte Witze als verletzend, während andere gut damit umgehen können und sogar darüber lachen.

    Macht euch lieber darüber Gedanken, anstatt ständig darüber zu diskutieren, welche Worte man tabuisieren sollte oder welche dummen Witze einen Aufschrei verdienen. Es geht nicht um Witze, die wir nicht hören wollen, sondern um unsere Realität, die ihr nicht sehen wollt.

  • Schwerbehinderte Beziehungen

    Schwerbehinderte Beziehungen

    Es war Platon, der sagte: „Liebe ist eine schwere Geisteskrankheit.“ Also im Prinzip eine Art Behinderung. Google zufolge ist die Definition für ‚behindert‘ nämlich: „Infolge einer körperlichen, geistigen oder seelischen Schädigung beeinträchtigt.“ Passt eins zu eins auch auf Menschen, die verknallt sind. Im Grunde auch nur ein anderes Wort für ‚einen Knall‘ haben. Eigentlich sollte man ja sich vor Leuten, die einen Knall haben, etwas in Acht nehmen! Aber viele fürchten sich vor etwas ganz anderem.

    Es gibt drei große Szenarien, vor dem fast jeder Mensch panische Angst hat:

    1. allein sterben, 
    2. in eine finanzielle Misere zu fallen,
    3. krank werden, oder aufgrund eines Unfalls eingeschränkt sein.

    Ich als Rollstuhlfahrerin verkörpere in den Augen vieler Leute genau das. Alle Ängste vereint in einer Person. Viele glauben, dass Menschen mit Behinderung finanziell sehr schlecht dastehen (bzw. sitzen), weil sie ihre Wohnungen, Fahrzeuge etc. behindertengerecht umbauen müssen, oder andere spezielle Hilfsmittel brauchen. Wie viel kann da noch übrigbleiben? Dann kommt noch die Tatsache, dass man als Rollstuhlfahrer ständig auf Hilfe und Aufzüge angewiesen ist. Scheinbar sind einige Menschen der Meinung, dass das persönliche Lebensglück damit zusammenhängt, ob man Treppensteigen oder ein Marathonläufer werden kann. Folglich kann man mit all diesen Problemen auch kein Partner finden. Der wird nämlich automatisch als Pfleger assoziiert. 

    ‚Einbildung ist auch eine Behinderung‘

    Sobald ich irgendein Punkt davon überlistet habe, fühlt es sich so an, als hätte ich es der ganzen Welt gezeigt. Und genau das ist hochkant FALSCH! Man sollte meinen, dass ich über den Punkt hinaus wäre. Aber nach gewissen Erfahrungen, wir einem immer wieder bewusst, dass man selbst das größte Problem mit der eigenen Behinderung hat und nicht die anderen. 

    Kompromissbereitschaft 

    Während alle anderen Menschen befürchten sich mit dem Corona-Virus anzustecken, hatte ich mich in den letzten Monaten mit Monogamie angesteckt. Die Sicherheitsvorkehrungen waren fast dieselben. Ich war freiwillig in Quarantäne, habe nicht mehr viel aus mir gemacht und wenn ich raus ging, hatte ich eine unsichtbare Maske auf, damit niemand merkt, dass ich eigentlich unzufrieden war. Abgesehen davon, verwandelte mich in eine Art Kindermädchens für den großen Jungen an meiner Seite. Ständig ertappe ich mich dabei, wie ich solche Fragen stellte, wie: „Hast du heute genug gegessen? Bist du gut zuhause angekommen? Soll ich lieber zuhause bleiben?“ Das einzige, was ich nicht getan habe, ist ihn auf den Schoß zu nehmen, um ihn ein Bäuerchen zu entlocken! 

    Selbsttreue 

    Der innere Antrieb von mir war weg. Ich schob alles auf den unschuldigen Virus, der schließlich die ganze Welt lahmgelegt hatte und glaubte, dass ich deshalb nicht mehr viel mit meinem alten Leben zu tun hatte. Es ist normal, dass man in einer Beziehung nicht mehr so „aktiv“ ist und sich ein wenig verändert. Beziehungen sind zwangsläufig eine Kette von Kompromissen. Aber wie viel von unserem selbst dürfen wir dem anderen opfern, bevor wir aufhören wir selbst zu sein?  Kann man sich selbst treu sein, wenn man mit jemanden zusammen ist?

    Der Kampf gegen sich selbst

    Bei jedem Konflikt mit dieser Person, die neuerdings seine Zeit mit mir verbrachte, fragte ich mich, ob es wert war über gewisse Dinge zu diskutieren. Aus irgendeinem Grund nahm ich vieles einfach so hin. Ich glaube, dass ich einfach keine Lust auf unnötige Diskussionen hatte. Zumindest redete ich mir das ein. Es war einfach das zu glauben, als das was ich im tiefsten Inneren wusste und nicht zugeben wollte. Ich ging viele Kompromisse ein, weil ich dachte: „Er ist zwar nicht das, was ich schon immer haben wollte, er kann mich auch nicht wirklich verstehen und hat kaum eine Ahnung von meinen eigentlichen Interessen, ABER er akzeptiert mich ja wie ich bin – mit meinem Rollstuhl.“ Das ist der eigentlich tragische Gedanke, den ich ignorieren wollte.

    Anziehen und verziehen!

    Doch genau das, war was mich überhaupt an diesem Menschen als anziehend empfand. Es muss etwas Besonderes in ihm stecken, sodass er mich ausgewählt hat. Ja, ich weiß, es klingt sehr nazistisch, jemand gut zu finden, weil er mich gut findet, aber ich bin nur ehrlich. Trotz allem konnte ich mich nicht länger vor der Wahrheit verstecken und fing mit den Corona-Lockerungen an, auch locker über gewisse Konflikte zu reden. Dabei bemerkte ich immer wieder, dass er nur das mochte, was aus mir geworden ist und nicht wer ich bin. Das war vermutlich auch der Grund, warum er sich ziemlich erbärmlich verzogen und im Anschluss sein wahres Gesicht immer mehr präsentierte.  

    Die Erkenntnis 

    Als alles vorbei war, fühle ich mich so frei und fragte mich ich was zum Teufel mich geritten hatte? Alle Attribute, die ich mir für mein Partner vorgestellt habe, waren so gut wie nicht vorhanden. Wenn es um Selbstständigkeit ging: Ich habe meine Wünsche und Träume nie von einer Person abhängig gemacht. Er schon. Was meine Behinderung angeht: Ich habe mich so gut es geht mit dieser Tatsache abgefunden, dass ich gewisse Dinge nicht tun kann bzw. neue Alternativen für mich finde. Aber er nicht und das Schlimmste war, er hatte Angst vor nahezu allem was irgendwie neu ist. Abgesehen davon auch kaum bereit für Spontanität und zu allem Übel abhängig von mir. In jeder Lebenslage! Alle Eigenschaften die man mir als Rollstuhlfahrerin unterstellte, hatte er eigentlich. Diese Erfahrung hat mich wieder das erkennen lassen, was ich ständig anderen vorpredige. Kein Partner auf dieser Welt (und mag er noch so „großartig“ sein), ist es wert so viele Kompromisse einzugehen. Ich bin lieber Single und zufrieden, als eine Beziehung zu führen, die mich unglücklich macht.

    Beziehungsmärchen 

    Frau suchen ständig den Fehler zuerst bei sich selbst. „Wie konnte ich so dumm sein? Warum habe ich es nicht früher bemerkt usw.“ Vielleicht ist das auch der Grund warum wir Märchen lieben. In vielen Mädchen möchte die weibliche Hauptfigur gerettet werden. Der Märchenprinz muss kommen, damit wir aus einem Schlaf erwachen, als dem Turm befreit oder vor der Bösen Stiefmutter gerettet werden. Schneewittchen hätte einfach kein Obst von einer Fremden annehmen sollen. Rapunzel hätte ihr Haar irgendwo fest machen können, daran runter klettern und dann die Haare abschneiden können. Aschenputtel hätte mit ihren Vögeln und Mäusen eine Schneiderei eröffnen können und mit dem Geld ausziehen können, aber NEIN – Es wird kleinen Mädchen eingeredet, dass ein Mann in diesen ganzen Geschichten nötig, um die Prinzessin zu befreien.  Das einzige Märchen, welches tatsächlich Sinn macht ist „Hans im Glück“ – Komischerweise auch das einzige Märchen, in dem es nur um ein Jungen geht. Mir kommt grade der Gedanke, ob Hans im Glück vielleicht der Vorreiter von Fightclub war? Wie dem auch sei, eigentlich möchte ich nur damit sagen, dass viele Frauen im Prinzip vor sich selbst gerettet werden wollen. Vor ihren eigenen Zweifel, Pessimismus und manchmal auch Wahnsinn. Aber kein emotionaler Ballast kann weg gezaubert werden von einem Möchtegern Märchenprinz, mit Hipster Bart und Skinnyjeans. Das können nur wir Frau selbst.  

    Verstecke und offensichtliche Behinderungen   

    Als Rollstuhlfaherin verkörpere ich vielleicht alle Ängste, die viele Menschen haben. Paradoxerweise agieren wir Rollstuhlfahrer für die Gesellschaft aber auch als rollende Motivationstrainer. Frei nach dem Motto: „Wenn die Rollstuhlfaherin das schafft, schaff ich das auch.“ Was nicht stimmt, aber das ist ein anderes Thema. 

    Fakt ist, dass mein Defizit auf dem Servierteller präsentiert wird. Das unfaire an der Sache ist, dass man die Defizite bei anderem Menschen nicht sofort erkennen kann. Erst nach Monaten erkannte ich, dass diese Person ein energiesaugender Kleptomane, eifersüchtiger Schizophrener und emotionaler Legastheniker war. All diese „Behinderungen“ hätte ich gerne auch beim ersten Blick erkannt. Mein heimlicher Traum war es irgendwann ein Artisten an meiner Seite zu haben, doch stattdessen bekam ich einen Autisten. Zwar glauben viele Leute, dass ich ein Scherz mache, wenn ich sage: „Bitte besorg dir eine Behinderung, die man sehen kann, damit andere vorgewarnt sind. Schließlich bin ich auch so fair.“ Aber bei einigen Menschen ist das völlig ernst gemeint. Entweder mag man jemanden so wie er ist, oder man lässt es einfach sein. – Egal ob nun behindert ist, oder nicht, Kompromisse sollten beide Partner gleichermaßen eingehen und nicht der eine mehr oder der andere weniger. Wenn es in eurer Beziehung so ist, dann lasst es und sieht ein, dass ihr in einer behinderten Beziehung gefangen seid!

  • (K)eine Behinderung am roten Teppich

    Stars und Sternchen tummelten sich am Wochenende zur Verleihung des diesjährigen Deutschen Filmpreises in Berlin. Regisseure und Schauspieler beantworten Mal wieder vorhersehbare Frage, deren Antworten fast schon auswendig klangen. „Das Team war großartig, es war eine einmalige Erfahrung, bitte keine Fragen zum Privatleben.“  Mitten drin war ich – Als einzige Rollstuhlfahrerin fiel ich mindestens genauso sehr auf, wie die funkelnden und glänzenden Garderoben der Schauspieler. 

    „Hauptsache politisch korrekt“

    Der Fokus lag dieses Jahr stark auf die jetzige Politik und den Kampf gegen Rassismus. Die Themen „Me too“, Flüchtlinge und Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau wurden oft erwähnt.  Frei nach dem Motto: „Hauptsache alles politisch korrekt benennen.“ Aber nicht ein Wort darüber, dass Menschen mit Behinderung auch zu unserem Gesellschaftsbild gehören. Ich wollte die Chance nutzen, um auf dem roten Teppich  genau diese Frage zu stellen. „Warum sieht man Menschen mit Behinderung nicht so oft in Filmen?“ 

    Keine einfache Frage 

    Zugegeben, dies ist keine einfache Frage, die man auf dem roten Teppich simpel beantworten kann, dennoch habe ich einige Stars auf damit konfrontiert. Es sei schwierig, weil man nicht genau weiß, wie man damit umgehen soll und niemanden damit verletzten möchten. Daher soll es etwas kompliziert sein, Menschen mit Behinderung in der Filmbranche zu integrieren. So haben fast alle geantwortet, die ich gefragt habe. 

    Fahri Yardim zu Thema Menschen mit Behinderung in Filmen und im Fernsehen 

    Nur Fahri Yardim nahm sich für meine Frage etwas mehr Zeit, als seine anderen Kollegen und sagte: „Menschen mit Behinderung gehören natürlich genauso dazu. Auch wenn sie selten in Filmen zu sehen sind. Es gibt gute Beispiele, wo das gepasst hat und diese Filme auch ziemlich erfolgreich waren. Da muss definitiv mehr passieren.“ Ich kannte Fahri aus der Serie „Jerks“. Bei der Gelegenheit lobte ich ihn für die herrlich, politisch unkorrekten Szenen, in den Menschen mit Behinderung involviert waren. Er reagierte sichtlich erleichtert und bedankte sich sogar, da er meinte, dass genau diese Szenen sehr kritisiert wurden.  

    Verantwortung der Filmbranche 

    Die Filmindustrie repräsentiert verschiedene Gesellschaftsbilder und schenken den Zuschauern dabei neue Eindrücke. Als Massenmedium zur Information und zur Bewusstseinsbildung, trägt die Filmbrache eine große Verantwortung. Deshalb ist es umso wichtiger, dass man nicht nur die reichen und schönen repräsentiert, sondern auch die Menschen, die vielleicht nur am Rand der Gesellschaft existieren oder vielleicht gar nicht als Teil der Gesellschaft wahrgenommen werden.

    Es war eine sehr spannende und interessante Erfahrung. Ob sich nun in der Filmindustrie etwas verändern wird oder nicht, kann ich nicht wissen. Aber zumindest wurde meine Frage an diesem Abend nicht unter den roten Teppich gekehrt.

  • „Warum sieht man auf deinem Profilbild nicht, dass du im Rollstuhl sitzt?“

    „Warum sieht man auf deinem Profilbild nicht, dass du im Rollstuhl sitzt?“

    Im Zeitalter von Social Media ist es ganz normal diverse Profile zu haben. Instagram, Facebook, Twitter und Snapchat bieten jedem Menschen die Möglichkeit sich so darzustellen, wie man gerne gesehen werden möchte. Selbstverständlich wird dabei viel inszeniert und auch ein bisschen geschummelt. Schließlich wollen viele Menschen das beste von sich im Netz präsentieren.

    Dennoch stoße ich bei den meisten Leuten auf Unverständnis, wenn man auf meinen Profilbildern nicht direkt erkennen kann, dass ich eine Rollstuhlfahrerin bin. Einige Leute nehmen direkt an, dass ich diese Tatsache verheimlichen möchte oder nicht dazu stehe. Dabei verstehen es einige Personen nicht, dass die virtuelle Welt einer der wenigen Orte ist, wo ich einfach eine von vielen sein kann.

    Niemand kritisiert mich dafür, dass man auf meinen Bildern nicht erkennt, dass ich einen Migrationshintergrund habe, mein Alter nicht verrate oder was für einen Beruf ich genau habe, aber der Rollstuhl soll gefälligst erkennbar sein. Damit die anderen besser wissen, wie sie mit mir umgehen sollen. Vielleicht sollten wir Rollstuhlfahrer denen zu liebe, wie bei einem Ikea Möbelstück, eine Gebrauchsanweisung, in allen Sprachen mit uns tragen. Oder eine Art Beipackzettel aushändigen.

    Ich soll meinen Rollstuhl klar sichtbar machen, aber wenn ein netter junger Mann seit Wochen mit mir chattet und erst nach zwei Monaten in unseren Gesprächen beiläufig erwähnt, dass er verheiratet ist, auf BDSM steht, drei Kinder hat und arbeitssuchend ist, dann muss man das als „kennenlernen“ verbuchen. Aber der Rollstuhl, der muss direkt erwähnt werden.

    Im Durchschnitt hat ein Rollstuhlfahrer drei Tage Zeit, um den Rollstuhl so feinfühlig wie möglich zur Sprache zu bringen. Der unwissende Läufer soll natürlich nicht erschreckt werden, oder verunsichert, bis er realisiert, dass er/sie sich für jemanden interessieren, der anders ist, als viele andere Menschen. (Das Privileg offiziell anderes sein zu dürfen, scheint nur den Hipsters dieser Zeit zu gelten.) Wenn diese drei Tage abgelaufen sind und man den Rollstuhl immer noch nicht erwähnt hat, dann gilt das als eine Art betrug für einige Menschen. Die erste Reaktion nach der Offenbarung eine Rollstuhlfahrerin zu sein, war bisher fast immer gleich. „Das ist doch kein Problem, dass ändert doch gar nichts, usw.“ Unabhängig davon, ob es nun Männer oder Frauen sind, war der Umgang danach auf einmal anders als vorher.

    Aber gehen wir mal weg vom privaten Anschreiben und kommen zu meinem „virtuelle Berufsleben“. Ich bin eine Frau, die politisch sehr interessiert ist und nebenbei (wie man so schön sagt) „irgendwas mit Medien“ macht. Obwohl ich mich mit gewissen Themen sehr gut auskenne, mich darüber gründlich Informiert und recherchiert habe, kommt oft der Satz: „Ja, aber du siehst die Welt ja aus einer ganz anderen Sichtweise.“ Als wäre bspw. die Wirtschaftskrise, der Nahostkonflikt oder Gleichberechtigung zwischen Männern und Frauen, für einen Rollstuhlfahrer etwas völlig Anderes.

    In der realen Welt habe ich keine andere Wahl und muss oft erst einmal erklären, dass ich mich dennoch hübsch, selbstbewusst und stark fühle, bevor ich überhaupt ein anderes Thema, welches überhaupt nichts damit zu tun hat, ansprechen kann. Warum sonst gibt es kaum Sendungen, in den Rollstuhlfahrer eine Rolle spielen? (Man sieht sie nur, wenn es um Inklusion oder sowas geht.) Etwa weil alle Studios nicht Barrierefrei sind?

    In der virtuellen Welt muss ich mich nicht erklären. Da bin ich eine von vielen und werde angeschrieben, kritisiert oder auch mal beleidigt, wie jeder andere auch. Deshalb sieht man auf meinen Profilbildern nicht, dass ich Rollstuhlfahrerin bin.

     

    http://magazin.handicapx.com/warum-sieht-man-auf-deinem-profilbild-nicht-dass-du-im-rollstuhl-sitzt/

  • „Vor dem Gesetz ist jeder Mensch gleich“

    „Vor dem Gesetz ist jeder Mensch gleich“

    Über Geld spricht man nicht – Aber mich würde interessierten, wie das andere Rollstuhlfahrer machen, die ein Studium absolviert haben.

    Seit einigen Wochen kämpfe ich mit den Behörden und Ämter, weil ich finanzielle Probleme habe. Normalerweise beziehe ich ein „persönliches Budget“, dass Träger übergreifend ist und mir eigentlich die Teilhabe am Leben ermöglichen soll. Nach nun zwei Jahren ist dem Amt aufgefallen, dass ich mit diesem Geld auch meine Studiengebühren, Miete, Versicherung und allgemein mein Lebensunterhalt bestreite.

    Was ich jedoch nicht wusste ist, dass das gar nicht erlaubt ist. Ich darf mit dem Geld mir Assistenten, Pfleger und Haushaltshilfen bezahlen, jedoch nicht meinen eigenen Lebensunterhalt. Auf gut Deutsch gesagt: „Mein Hintern sollte optimal gepflegt werden, aber ob dieser Hintern ein Dach über den Kopf hat, spielt keine Rolle!“

    In den letzten Wochen konnte ich kaum eine Vorlesung besuchen, da ich von einem Amt zum anderen gerannt bin, um zu wissen, wie es nun weitergehen soll. Letzte Woche war ich zum ersten Mal bei einem Jobcenter – Offen gesagt kann ich alle Menschen, die sich freiwillig dazu entschieden haben auf der Straße zu leben verstehen. Diese Demütigung, die man über sich ergehen lassen muss, um sein Geld zu bekommen, möchte sich nämlich kein Mensch freiwillig antun.

    Ich saß da und der Sachbearbeiter kam rein. Alle Unterlagen lagen bereit und der Typ starrte mich von oben bis unten an.

    „Ich dachte, ich hätte heute eine normale Studentin hier sitzen und keine Rollstuhlfahrerin.“ Sagte der Beamte.

    „Ich wünsche ihnen auch ein guten Morgen.“ Antwortete ich.

    Er fuhr regungslos fort: „Ich lese hier aus den Unterlagen heraus, dass Sie Studentin sind und kein Bafög erhalten. Was wollen Sie hier und warum bekommen Sie kein Bafög?“

    Ich:“ Da mein BWL Studium mein 2. Studium ist, bekomme ich kein Bafög. Mir wurde gesagt, dass ich mich hier melden soll, um meine Situation zu schildern und zu wissen, ob Sie mir vielleicht helfen können oder wissen, wo hin ich gehen muss.“

    Eine Stunde lang erklärte ich ihm, was mein Problem sei und das ich nicht mehr weiterwüsste. Er blickte mich erneut griesgrämig an: „Ich arbeite seit zehn Jahren als Abteilungsleiter und sowas wie Sie bzw. ihren Fall, habe ich noch nie erlebt.“

    Schon wieder bin die die Erste – In der Grundschule war ich die erste Rollstuhlfahrerin, in der weiterführenden Schule war ich die Erste Rollstuhlfahrerin, im Studium und nun wieder.

    Nur so als keiner Tipp für die nicht körperlich behinderten Leser da draußen, die Bezeichnung „die Erste“ in solchen Fällen ist immer negativ behaftet.

    Er lies mich alles drei Mal erklären und beantwortete all meine Fragen immer stets mit „Weiß ich nicht, keine Ahnung, ich kenne mich damit nicht aus…“

    ich wurde langsam wütend und stellte ihm die Frage, wer es sonst wissen sollte, wenn er es nicht weiß. Dann kam einer meiner Lieblingssätze, die er an diesem Vormittag zu mir sagte. „Wenn Sie arbeitslos wären, könnten ihnen viele Ämter helfen, aber so als Studentin…?! Brechen Sie doch ihr Studium ab oder gehen Sie arbeiten.“

    Mir platzte der Kragen: „Mir fehlen grade mal 2-3 Semester. Abgesehen davon, würde ich ja gerne arbeiten, aber sagen Sie mir doch, wer mich als ungelernte und beeinträchtigte Kraft beschäftigen würde?“

    „Das weiß ich doch nicht.“ sagte er zum hundertsten Mal. Ich wollte mir nichts mehr anhören und verabschiedete mich von ihm. Ich wollte nur noch rausgehen.

    Am selben Vormittag rief ich das Wohnamt an. Die Frau am Telefon war so nett, dass Sie gleich nach: „Guten Tag, ich bin Studentin“, mir ins Gesicht aufgelegt hat.

    Kein Grund um auszuflippen, sagte ich mir und habe versucht, die Behindertenbeauftragte des Saarlandes zu erreichen. Wenn es jemand wissen sollte, dann Sie – Dachte ich zumindest. An diesem Tag wiederholte ich zum gefühlt 10.000sten Mal meine Geschichte und die Frau antwortete: „Sowas wie ihren Fall, habe ich zum ersten Mal. ich war für alle saarländischen Ämter und Behörden scheinbar ein nie dagewesenes Phänomen. In ihren Augen hatte ich zwei Behinderungen – meine körperliche Benachrichtigung und die Tatsache, dass ich Studentin bin!

    Als ich dann wieder Zuhause ankam, rief ich meine Anwältin an, um ihr zu berichten, was für ein „tollen“ Vormittag ich hatte. Und ja, auch für sie war ich ein Sonderfall. Sie erklärte mir, dass ich aufgrund meines Studenten-Status nahezu aus jedem Raster falle und auch sie nicht weiß, wie es weitergehen soll.

    Soll ich nun wirklich glauben, dass ich arbeitslos Zuhause sitzen sollte, um keine Existenzängste mehr zu haben? Scheinbar ist man in diesem Land, als Arbeitsloser besser aufgehoben, als ein Student. Ich habe mich für das Studium entschieden, um irgendwann finanziell unabhängig zu sein. Nun fühlt es sich wie eine Bewährungsprobe an oder eine Strafe. Bewirke ich in einer Behindertenwerkstatt wirklich mehr für das Bruttoinlandsprodukt, als wenn ich selbst arbeiten würde? Warum wird das Leben als Student so schwer gemacht – Ist das Studium an sich nicht schon schwer genug?

    Ich frage mich, ob es eine Statistik existiert, dem dokumentiert wurde, wie viel Menschen mit Behinderungen studieren – Es kann doch nicht sein, dass ich damit komplett alleine stehen!

    Seit Jahren versuchte ich diese Opferrolle zu umgehen bzw. zu umfahren. Ich möchte mich nicht in irgendeiner Nachmittagssendung entblößen und dieses Klischee, der armen benachteiligten Rollstuhlfahrerin präsentieren. Ich kann mir nämlich schon ganz genau vorstellen, wie das Ganze ablaufen würde. Vermutlich würde man auch oft genug mein Migrationshintergrund erwähnen – Ich wäre ein gefundenes Fressen für alle Privatsender!

    Es gibt unzählige Bücher, Vereine und Organisationen für Menschen mit Behinderungen, aber niemand schreibt oder sagt konkret, was man bei so einem Fall machen kann. Wo sind diese ganzen Sozial-Aktivisten, wenn man sie brauch. Für alles gibt ein hier ein Gesetz, sogar für Hunde und Kleingärtnervereine. Ich habe mich noch nie vom System so gestoßen gefühlt, wie jetzt.

    Und Apropos Gesetz: Ich frage mich, wie viel es kosten würde, wenn ich bis zum Ende meines Studiums ins Gefängnis gehen würde. Wäre es billiger mich in eine Zelle zu stecken, (die sehr vermutlich auch erst behindertengerecht gebaut werden müsse – Ich glaube nämlich, dass ich da auch die Erste wäre), als mir zu helfen in Freiheit mein Studium zu beenden? Der Vorteil dabei wäre, dass ich im Knast nicht abgelenkt wäre und viel mehr Zeit hätte, für meine Klausuren zu lernen.

    Ich denke, dass man an diesem Fall gut erkennt, was der Unterschied zwischen Gleichberechtigung und Gerechtigkeit! „Vor dem Gesetz ist jeder Mensch gleich“ – Doch was ist, wenn man nicht die gleichen Voraussetzungen, wie ein anderer Mensch hat?

     

    http://magazin.handicapx.com/vor-dem-gesetzt-ist-jeder-mensch-gleich/

  • Mein Rollstuhl verdient keinen Titel

    Mein Rollstuhl verdient keinen Titel

    „Dachdecker wollte ich eh nicht werden: Das Leben aus der Rollstuhlperspektive“, „Kann man da noch was machen? – Geschichten aus dem Alltag einer Rollstuhlfahrerin“, „Mein Leben und wie ich es zurückgewann“, „Das Glück geht nicht zu Fuß: Wie mein Leben ins Rollen kam“ (.…) Das sind alles Titel von Büchern, die sich rund um das Thema „Leben im Rollstuhl“ drehen.

    Auch ich habe einige dieser Bücher gelesen und in der Vergangenheit selbst mal überlegt darüber zu schreiben. Doch bei genauer Betrachtung, machte es für mich kein Sinn. Ohne irgendwie gehässig zu wirken, oder irgendjemanden persönlich angreifen zu wollen, muss ich bei solchen Büchern immer schmunzeln. Ist es nicht ein Widerspruch, wenn so viele Rollstuhlfahrer nicht auf ihre Behinderung reduziert werden wollen und diese Bücher genau das zelebrieren? Diese Lektüren handeln ausschließlich davon und bestätigen jedes Klischee.

    Wir möchten von der Gesellschaft akzeptiert werden und ein Mitglied davon sein. Andererseits meckern wir ständig nur darüber, wie schwer wir es doch haben und das niemand etwas für uns tut. Für mich ist das exakt dieselbe Diskussion, wie bei der Integrationsdebatte. „Zur Integration gehören immer beide Seiten.“ Genauso denke ich auch über die Inklusionsdebatte. Es reicht nicht Gesetze oder Rechte zu haben, wenn Sie gerade mal 20% – 30% der körperlich behinderten Menschen für sich nutzen. Was bringt es denn eine Schwerbehindertenquote zu haben, wenn viele Behinderte nur in der Behindertenwerkstatt arbeiten. Was bringt es denn, Diskos und Kinos behindertengerecht umzubauen, wenn Sie kaum jemand mit körperlicher Beeinträchtigung nutzt? Es gibt bereits unzählige Möglichkeiten, die viele von uns nicht kennen, weil viele darauf warten, dahin geführt zu werden.

    Selbstverständlich ist das nicht immer einfach. Sowohl in meinem ersten, als auch in meinem zweiten Studium hieß es immer: „Oh, also Sie sind bei uns die erste Rollstuhlfahrerin.“ Ich wäre gerne mal, bei solchen Angelegenheiten, nicht die Erste. Die Hochschulen, auf denen ich war oder bin, glauben immer, dass sie sich ein Bein ausreizen, wenn ich eine Prüfungsverlängerung bewilligt bekomme oder Sie es geschafft haben nach Jahren eine Rampe irgendwo hinzubauen. Und apropos Beinausreizen, danach werben solche Hochschulen mit ihrem behindertengerechten Campus. So als wäre es schon immer so gewesen.

    Fakt ist einfach, dass einem nichts im Leben einfach so zufliegt. Jeder Mensch muss für sich selbst kämpfen und nicht darauf warten am Händchen gepackt und sicher ans Ziel gebracht zu werden.
    Ich kann und möchte hier nicht für Andere sprechen. Dieser Text ist lediglich eine Auffassung von mir. Für mich ist meine Behinderung das einzige Gewöhnliche an mir. Sie ist so leicht zu durchschauen und unglaublich langweilig. Es ist genauso wie der Tod. Er begleitet uns immer, doch hören wir deshalb auf zu leben, weil wir alle wissen, dass wir irgendwann sterben werden? Ich bin das eigentlich Ungewöhnliche. Das was ich daraus gemacht habe, ist das was mich zu dem macht, was ich bin, nicht mein Rollstuhl!

    Nicht mein Rollstuhl schreibt diese Kolumne, nicht er studiert, nicht er schreibt Bücher, sondern ich. Auch wenn ich weiß, dass wenn man mich beschreibt oder vorstellt, es als erstes heißt „Arin, die Rollstuhl-fahrende Studentin, Arin, die Rollstuhl-fahrende Kolumnistin, Arin, die Rollstuhl-fahrende Deutsch-Syrerin. Es ist ok, wenn mich andere so beschreiben wollen, doch ich werde es nicht tun. Wenn ich das tun würde, würde ich mich selbst in den Hintergrund stellen. Im Hintergrund verbirgt sich jedoch schon meine Migration. Das ist eine andere, marode Baustelle, die keinen fruchtbaren Boden mit sich trägt und die kein Gast bei sich empfangen kann. Ich möchte in meinem Leben im Mittelpunkt stehen, auch wenn meine Behinderung sich vermutlich ewig in den Vordergrund schleichen will.

    Falls alles gut geht, veröffentliche ich in diesem Jahr mein Buch. Dieses handelt von mir und davon, was ich in den letzten Jahren erlebt habe. Mein Rollstuhl kommt darin kaum vor. Denn mein Rollstuhl verdient keinen Titel.

     

    http://magazin.handicapx.com/mein-rollstuhl-verdient-kein-titel/

  • „Ich wünschte, ich wäre behindert“

    Wenn ich behindert wäre, würden man mich immer ansehen
    Ich müsste mir nicht mehr so viele Mühe geben, besonders auszusehen

    Wenn ich behindert wäre, würde ich nie wieder arbeiten gehen
    Ach, dass wäre so bequem…

    Ich würde nie den vollen Preis einer Fahrkarte zahlen
    Als Behinderter könnte ich so viel sparen

    Es ist kein Wunder, dass unser Finanzmister behindert ist
    Der bezahlt bestimmt auch nicht für jeden Mist

    Wenn ich behindert wäre, würde ich ständig andere rumkommandieren
    Die Nerven der Leute damit strapazieren und mich darüber sogar amüsieren

    Als Behinderte, würde ich für alle alltäglichen Dinge bewundert werden
    Auch wenn ich mal etwas nicht hinbekomme, würde sich niemand beschweren

    Wenn ich behindert wäre, dürfte ich mich verrückt verhalten
    Ich könnte mein Leben völlig frei gestalten

    Wenn ich behindert wäre, wäre ich bestimmt für alle eine große Motivation
    Nach dem Motto: „Wenn Die es schafft, dann schaffen wir das auch schon.“

    Wenn ich behindert wäre, könnte ich mit meinem Rollstuhl beim McDrive bestellen
    Ich müsste mich nicht mehr an der normalen Kasse anstellen

    Für Behinderte findet man sogar neue Wort Kompositionen
    Wie „Handicap oder Inklusion“

    Schließlich darf man das nicht verwechseln mit der Integration
    Differenzierung ist hier schließlich das A und O

    Natürlich gibt es da auch bestimmt komische Fragen
    Womöglich könnten diese Fragen an meinem Ego nagen

    Aber das wäre mir nicht wichtig
    Was ich kann oder nicht kann, wäre offensichtlich

    Wenn ich behindert wäre, hätte ich immer etwas zu lachen
    Ich glaube damit hätte ich genügend Stoff, um daraus Stand-up Comedy zu machen

    Ich wäre auf allen Bühnen dieser Stadt
    Und die Leute würden sagen „Die Eine da, die dreht doch am Rat!“
    Ich würde beweisen, dass behindert sein, durch aus etwas hat

    Doch leider bin ich nicht behindert, schließlich kann ich schreiben
    Und lass mich lediglich von meinem Rollstuhl treiben

    Ich stehe mit beiden Beinen im Leben. Das kann jeder sehen
    Ohne auf ihnen jemals zu stehen

    Man muss nur verstehen
    Um zu leben, muss man nicht unbedingt gehen

  • „Du musst dich eindeutig positionieren“

    „Du musst dich eindeutig positionieren“

    Seit ca. drei Jahren schreibe ich nebenberuflich für diverse Magazine bzw. Webseiten. Genau genommen schreibe ich seit dem ich zwölf Jahre alt bin. Aber früher habe ich mich nicht getraut, etwas zu veröffentlichen. Heute sehe ich das ganz anders. Ich schreibe gerne über die verschiedensten Themen, sei es beruflich oder privat. Gut, wenn man das überhaupt Beruf nennen kann. Schließlich kann sich jeder heutzutage Blogger bzw. Journalist nennen. Für diese Kolumne bspw. suche ich mir Themen aus, die irgendwie mit dem Begriff „Handicap“ im engeren oder weitesten Sinne zutun haben.

    Es macht mir natürlich Spaß darüber zu schreiben, da so viele Rollstuhlfahrer über das Thema zwar reden bzw. schreiben, aber ständig nur erzählen „wie blöd die anderen Läufer doch sind und das wir es alle so viel schwerer haben.“ Offen gesagt kotzt mich das an. Entschuldigt meine Ausdrucksweise, aber „kotzen“ ist schon schön verpackt. Wie korrupt und skrupellos manche sind, wissen viele nicht. Wie auch? Schließlich ist man zu sehr damit beschäftigt, diese Leute ständig zu bemitleiden oder in den Himmel zu loben. „Das ist so toll, dass Sie trotz Behinderung weiter machen.“ Oder: „Das ist so bemerkenswert, wie offen Sie damit umgehen.“

    Auf den ersten Blick mag es so aussehen, als ob ich genau das Selbe mache, wie diese „rollstuhlfahrenden Blogger“, doch das stimmt nicht. Ja, ich spiele gerne mit gewissen Klischees und womöglich fordere ich sie sogar heraus, aber ich sehe meine Behinderung nicht als Qualifikation, um darüber zu schreiben. Neben meinem Studium habe ich schon viel Geld in meine journalistische Ausbildung investiert und viele Referenzen gesammelt. Doch wenn ich mich dann bei anderen Zeitungen oder Magazinen bewerbe, werde ich oft auf meine Behinderung oder Herkunft reduzieret. Zwar habe ich diverse politische, gesellschaftliche und wirtschaftliche Texte geschrieben, aber kaum jemanden interessiert das. Die Leute wollen, die lustige Rollstuhlfahrerin, die alle Klischees bestätigt. Abgesehen davon, hausiere ich auch nicht mit meiner Behinderung oder Herkunft, um einen Job zu bekommen. Viele andere machen das ja sehr offensichtlich, obwohl sie keinerlei Ausbildung in dieser Branche haben. Sogar mein Redakteur alias der Gründer dieses Magazins meinte mal zu mir: „Arin, du musst dich positionieren.“  Doch das will ich nicht. Ich bin zu vielfältig, zu bunt und zu chaotisch, um mich auf irgendwas zu beschränken. Es gibt nichts interessanteres, als die Kunst, nichts streitbareres, als die Politik und nichts existenzielleres, als die Wirtschaft. Man wird gezwungen sich zu positionieren. „Ist man für die AFD oder dagegen? Veganer oder Fleischesser? iOS oder Android?“

    Meine Behinderung sagt nichts über meine Position zu irgendwas aus und schon gar nicht meine Herkunft. Ich liebe es über diverse Themen zu diskutieren und falls das jemandem nicht passt, kann er gerne bei den anderen Fachidioten stöbern, die nicht mal eine richtige Qualifizierung dafür haben und sich nur darum kümmern wie viele Follower und Likes sie für ihre populistische Meinung bekommen. Auch wenn ich ewig für namenlose Webseiten schreiben sollte, bin ich stolz darauf ohne Schwerbehinderten-, Migrations- oder Frauenquote alles alleine geschafft zu haben. Als Mensch mit Behinderung sollte sich keiner wundern, wenn jemand nicht für voll genommen wird, da viele sich ständig einzig und alleine mit ihrer Behinderung identifizieren. Dass ich angefangen habe, mit einer der brotlosesten Kunstform zu arbeiten, hat etwas mit meiner Einschränkung zutun, aber Sie hört nicht damit auf.

    Da bald das neue Jahr beginnt und ich neben meinen Neujahrsvorsätzen, wie: Abnehmen, mit dem Rauchen aufhören und allgemein disziplinierter werden, ständig das selbe Ziel verfolge, verrate ich es mal hier an dieser Stelle. In der Zukunft möchte ich nicht nur als „da ist ja die witzige Rollstuhlfahrerin“ wahrgenommen werden, sondern als Arin Jaafar, die Kolumnistin, Autorin, Journalistin und hoffentlich bald Betriebswirtin. Für meine Behinderung, Herkunft oder Geschlecht habe ich keine Ausbildung gemacht, daher sehe ich es auch nicht ein, mich damit zu profilieren.

     

    http://magazin.handicapx.com/du-musst-dich-eindeutig-positionieren/

  • Die Vorzüge des behinderten Lebens

    Die Vorzüge des behinderten Lebens

    Charles Bukowski sagte mal „Finde was du liebst – und lass es dich töten.“ Ich folgte diesem Zitat und kaufte mir eine neue Schachtel Zigaretten am Bahnhof. Die Verkäuferin war kurz am zögern, da sie sich wohl fragte, wie alt ich bin. Ich war ungeschminkt und sah offen gesagt so aus, wie ein minderjähriger Penner. Dennoch verkaufte sie mir die Schachtel. Nach dem Motto „Sie hat es ja schon schwer genug als Rollstuhlfahrerin, also verkauf ich ihr mal lieber die Zigaretten.“ Während ich die Zigarette anmachte und meine ersten Züge nahm, dachte ich über die Situation noch einmal nach.

    Dass es nicht gerade einfach ist, als Rollstuhlfahrer/in, wissen bereits schon viele, aber warum müssen alle Reaktionen darauf so dermaßen mit Mitleid erfüllt sein? Und falls jemand mal auf die Idee kommt, uns nicht zu bemitleiden, werden Rollstuhlfahrer direkt als Held dargestellt. „Der kleine Timi hat es geschafft, endlich barrierefrei in die Schule zu kommen. Anna hat trotz Behinderung ihren Traummann gefunden.“ Sorry, aber wen juckt das?

    Das ist genau so, wie damals, als mir mein Arzt ans Herz legte, an der monatlichen Selbsthilfe-Beratung teilzunehmen. Klischeegemäß saßen wir in einem Kreis und ein Therapeut, der seine besten Jahre scheinbar hinter sich gelassen hat und selbst irgendwie behindert wirkte, leitete diese Gruppe. Es gab zweierlei Sorten von Rollstuhlfahrern in dieser Gruppe. Die einen waren nur noch ein Schritt vom Selbstmord entfernt. Und die anderen waren so intelligent, dass sie vermutlich irgendwann sogar Stephen Hawking ablösen könnten. Wobei ich sagen muss, dass ich bei der ersten Kategorie glaube, dass sie sich nur noch nichts angetan haben, weil sie keinen Schritt alleine machen können, aber das lass ich mal so stehen bzw. sitzen. Ich denke ihr wisst auf was ich hinaus will. Doch keiner von ihnen erwähnte mit einer Silbe, was für positive Aspekte unser Leben hat.

    Wie es wohl ist, einfach mal ignoriert zu werden? Oder nach einem Parkplatz frustriert zu suchen. Einfach mal durchschnittlich zu sein und nicht für jeden alltäglichen Mist bewundert zu werden?

    Wenn andere Kommilitonen von mir fertig sind mit ihrem Studium, werden Sie vermutlich länger nach einem Arbeitsplatz suchen müssen, als ich. (Der Schwerbehinderten-Quote sei dank.)

    Abgesehen davon stellt kaum jemand Anforderungen an uns Rollstuhlfahrer. Wir haben keinen Gesellschaftsdruck. Gesellschaftsdruck im Sinne von, eine berufliche Karriere machen, den richtigen Partner finden, heiraten, einen Baum pflanzen oder Kinder bekommen. Ja selbst wenn wir als Rollstuhlfahrerinnen, besonders viele Männerbekanntschaften haben, werden wir anders als andere Frauen, nicht als „leicht zu haben“ deklariert, sondern als stark und selbstbewusst angesehen. Was den Feminismus angeht, haben wir Rollstuhlfahrerinnen mehr für uns erreicht, als Alice Schwarzer in den letzten paar Jahren und das nur weil wir im Rollstuhl sitzen.

    Einen besonders großen Vorteil hat es, wenn man, wie ich, ursprünglich aus dem Nahen Osten kommt. Anders als andere Mädels, durfte ich in der Vergangenheit tun und lassen was ich wollte, ohne das meine konservativen Bekannten oder Verwandten je ein Wort darüber verloren haben. Blöd nur das ich mit diesem gesellschaftlichen Freibrief nichts richtig angestellt habe. Wenn meine Behinderung nicht wäre, glaube ich nicht, dass ich mich je so frei hätte entfalten können.

    Natürlich soll das keine Werbung dafür sein ein Leben im Rollstuhl zu führen. Das soll nur klar machen, dass es wie alles im Leben, zwei Seiten der Medaille gibt. Während ich meine letzten Züge nahm und zu ende rauchte, drückte ich meine Zigarette aus und blickte auf das Bild, dass auf der Zigarettenpackung abgebildet war. Auf diesem stand „Rauchen verursacht Schlaganfälle und Behinderungen.“ „Gut, dass ich dieses Mal nur das halbe Risiko trage. Behindert bin ich ja bereits.“ dachte ich mir und fuhr lächelnd fort.

     

    http://magazin.handicapx.com/die-vorzuege-des-behinderten-lebens/