Autor: Arin

  • Die Vorzüge des behinderten Lebens

    Die Vorzüge des behinderten Lebens

    Charles Bukowski sagte mal „Finde was du liebst – und lass es dich töten.“ Ich folgte diesem Zitat und kaufte mir eine neue Schachtel Zigaretten am Bahnhof. Die Verkäuferin war kurz am zögern, da sie sich wohl fragte, wie alt ich bin. Ich war ungeschminkt und sah offen gesagt so aus, wie ein minderjähriger Penner. Dennoch verkaufte sie mir die Schachtel. Nach dem Motto „Sie hat es ja schon schwer genug als Rollstuhlfahrerin, also verkauf ich ihr mal lieber die Zigaretten.“ Während ich die Zigarette anmachte und meine ersten Züge nahm, dachte ich über die Situation noch einmal nach.

    Dass es nicht gerade einfach ist, als Rollstuhlfahrer/in, wissen bereits schon viele, aber warum müssen alle Reaktionen darauf so dermaßen mit Mitleid erfüllt sein? Und falls jemand mal auf die Idee kommt, uns nicht zu bemitleiden, werden Rollstuhlfahrer direkt als Held dargestellt. „Der kleine Timi hat es geschafft, endlich barrierefrei in die Schule zu kommen. Anna hat trotz Behinderung ihren Traummann gefunden.“ Sorry, aber wen juckt das?

    Das ist genau so, wie damals, als mir mein Arzt ans Herz legte, an der monatlichen Selbsthilfe-Beratung teilzunehmen. Klischeegemäß saßen wir in einem Kreis und ein Therapeut, der seine besten Jahre scheinbar hinter sich gelassen hat und selbst irgendwie behindert wirkte, leitete diese Gruppe. Es gab zweierlei Sorten von Rollstuhlfahrern in dieser Gruppe. Die einen waren nur noch ein Schritt vom Selbstmord entfernt. Und die anderen waren so intelligent, dass sie vermutlich irgendwann sogar Stephen Hawking ablösen könnten. Wobei ich sagen muss, dass ich bei der ersten Kategorie glaube, dass sie sich nur noch nichts angetan haben, weil sie keinen Schritt alleine machen können, aber das lass ich mal so stehen bzw. sitzen. Ich denke ihr wisst auf was ich hinaus will. Doch keiner von ihnen erwähnte mit einer Silbe, was für positive Aspekte unser Leben hat.

    Wie es wohl ist, einfach mal ignoriert zu werden? Oder nach einem Parkplatz frustriert zu suchen. Einfach mal durchschnittlich zu sein und nicht für jeden alltäglichen Mist bewundert zu werden?

    Wenn andere Kommilitonen von mir fertig sind mit ihrem Studium, werden Sie vermutlich länger nach einem Arbeitsplatz suchen müssen, als ich. (Der Schwerbehinderten-Quote sei dank.)

    Abgesehen davon stellt kaum jemand Anforderungen an uns Rollstuhlfahrer. Wir haben keinen Gesellschaftsdruck. Gesellschaftsdruck im Sinne von, eine berufliche Karriere machen, den richtigen Partner finden, heiraten, einen Baum pflanzen oder Kinder bekommen. Ja selbst wenn wir als Rollstuhlfahrerinnen, besonders viele Männerbekanntschaften haben, werden wir anders als andere Frauen, nicht als „leicht zu haben“ deklariert, sondern als stark und selbstbewusst angesehen. Was den Feminismus angeht, haben wir Rollstuhlfahrerinnen mehr für uns erreicht, als Alice Schwarzer in den letzten paar Jahren und das nur weil wir im Rollstuhl sitzen.

    Einen besonders großen Vorteil hat es, wenn man, wie ich, ursprünglich aus dem Nahen Osten kommt. Anders als andere Mädels, durfte ich in der Vergangenheit tun und lassen was ich wollte, ohne das meine konservativen Bekannten oder Verwandten je ein Wort darüber verloren haben. Blöd nur das ich mit diesem gesellschaftlichen Freibrief nichts richtig angestellt habe. Wenn meine Behinderung nicht wäre, glaube ich nicht, dass ich mich je so frei hätte entfalten können.

    Natürlich soll das keine Werbung dafür sein ein Leben im Rollstuhl zu führen. Das soll nur klar machen, dass es wie alles im Leben, zwei Seiten der Medaille gibt. Während ich meine letzten Züge nahm und zu ende rauchte, drückte ich meine Zigarette aus und blickte auf das Bild, dass auf der Zigarettenpackung abgebildet war. Auf diesem stand „Rauchen verursacht Schlaganfälle und Behinderungen.“ „Gut, dass ich dieses Mal nur das halbe Risiko trage. Behindert bin ich ja bereits.“ dachte ich mir und fuhr lächelnd fort.

     

    http://magazin.handicapx.com/die-vorzuege-des-behinderten-lebens/

  • Normal sein, ist ja so behindert!

    Normal sein, ist ja so behindert!

    Die Künstlerin Barbara sagte mal: „Eine Gesellschaft, in der BEHINDERT, SCHWUL und GUTMENSCH als Schimpfwörter funktionieren, hat ein Problem.“ Unsere Gesellschaft hat viele Probleme. Wir möchten zwar alle gleich behandelt werden, aber tun es nicht, wenn jemand anderes aussieht. Wir möchten Chancengleichheit für alle Menschen, aber differenzieren zwischen gesund und ungesund. Wir leben in einer Gesellschaft, in der wir alle individuell und einzigartig sein möchten, aber keinen akzeptieren, der nicht so ist, wie wir. Ist das normal?

    Wer bestimmt eigentlich was normal oder unnormal ist? Unsere Nachbarn, unsere Familie oder Freunde? Unser Nachbar, der es normal findet, dass man ab 22:00 nicht mehr Musik laufen lassen sollte? Unsere Familie, die meint, dass man immer und überall ständig beieinander sein sollte. Oder Freunde von uns, die seit Jahren immer wieder mal ein Studium anfangen und dann wieder abbrechen? Ist das nicht behindert? Ist es nicht behindert, dass ein Nachbar von uns erwartet, ab 22:00 Uhr keine Musik mehr laufen zu lassen. Ist es nicht behindert, dass Familie meinen, man sollte ständig beieinander sein. Oder ist es nicht behindert, dass manche Freunde immer wieder, was Neues studieren und nicht wissen, was sie wollen? Ist das nun normal oder behindert?

    Der Begriff „normal“ ändert sich von Zeit zu Zeit. Früher war es bspw. normal mit dreizig immer noch zu Hause zu wohnen. Heute ist das nicht mehr normal. Vieles, was früher als „normal“ galt, ist heute „voll uncool“. Normal verbinden viele heute mit gewöhnlich, klassisch oder gar langweilig. Aber der Begriff „behindert“ hat sich nicht geändert. Im Gegenteil – Behindert wird heutzutage als Beleidigung angesehen.

    Für mich ist vieles in meinem Leben irgendwie behindert. Das einzig normale in meinem Leben ist ehrlich gesagt meine Behinderung. Doch bis ich zu dieser Erkenntnis gelangen konnte, war es ein weiter Weg. Wenn ich „normal“ wäre, wäre ich nie der Mensch, der ich heute bin. Ich wäre vermutlich Friseurin oder Kosmetikerin geworden. Mich hätte es nicht wirklich gekümmert, was auf der Welt geschieht, da bei mir ja alles in Ordnung wäre. Mir käme vermutlich nie in den Sinn über mich hinaus wachsen zu wollen. Ich wäre vermutlich einer dieser Menschen, die nicht aufhören können mich auf der Straße anzustarren. Ja selbst meine eigene Kolumne zu haben, käme mir kaum in den Sinn. Über was sollte ich denn schon schreiben? Über mein normales und gewöhnliches Leben?!

    All das kann ich mit Sicherheit von mir behaupten, da ich mir in meiner Kindheit oft gewünscht habe „normal“ zu sein. Einfach mal über die Straße zu gehen und nicht angeglotzt zu werden. Einfach mal rauszugehen, ohne daran zu denken, ob der Ort zu dem ich gehen will, Treppen hat oder nicht. Selbst kritische Fragen verkniff ich mir schon sehr früh, da ich Angst hatte, nicht mehr normal zu wirken, wenn ich nicht so denke, wie meine Altersgenossen. Es ging gar nicht darum laufen zu können, sondern einfach in einer Masse unterzugehen oder nicht beachtet zu werden. Den Status „Normal“ zu erreichen, war für mich immer sehr wichtig. Gut, dass ich heute genau das Gegenteil bin!

    Ich will gar nicht mehr normal sein. Umso erwachsener ich wurde, umso mehr wurde mir klar, dass normal sein, dass eigentlich „behinderte“ ist. Normal ist es, sich von der Gesellschaft in der man lebt, beeinflussen zu lassen. Normal ist es einen sicheren Job zu haben. Normal ist es irgendwann zu heiraten. Aber ich bin nicht normal. Ich lasse mich von der Gesellschaft nicht mehr in ein bestimmtes Verhaltensmuster drängen. Ich möchte keine Ausbildung in einem öffentlichen Amt machen, nur weil mein Arbeitsplatz damit gesichert wäre und ich denke schon gar nicht darüber nach, wann ich heiraten sollte.

    Es ist schön Anders zu sein und ja es ist gut, dass ich behindert bin. Tagtäglich denke ich über Dinge nach, mit denen sich kaum ein anderer Mensch, der „normal“ ist auseinander setzten würde.

    Wie z.B. Aluminium-Rampen, statt Hebebühnen in Bussen einzusetzen. Irgendwann mit Baukonzernen zu arbeiten, die im Nahen Osten barrierefreie Gebäude bauen können. In einer Kutsche zu fahren, in der ich mit dem Rollstuhl reinfahren kann. Das sind jetzt alles Gedanken, die ich öffentlich aussprechen kann, aber ich hab noch viel mehr gar noch unkonventionellere Ideen. Über so viel Dinge, denke ich ganz anders nach, als andere. Damit meine ich auch Themen, die überhaupt nichts mit Behinderung per se zu tun haben. Ich stelle oft Fragen, die viele nicht beantworten können, weil kaum jemand darüber nachgedacht hat. Ich hebe mich also nicht nur Dank meines Rollstuhl von anderen ab, sondern auch aufgrund meiner Gedankengänge. Das heißt nicht, dass ich besser oder schlechter bin, als andere, sondern einfach anders bin.

    Es ist für mich selbstverständlich jedem fremden Menschen eine Chance zu geben. Egal wie er aussieht oder an was er glaubt. Das hängt natürlich irgendwo auch mit meiner Behinderung zusammen. Wie kann ich Vorurteile gegenüber anderer Menschen haben, wenn ich doch selbst oft mit Vorurteilen kämpfen muss. Wie kann ich an jemandem, der Hilfe sucht, vorbei gehen, wenn ich doch selbst Hilfe von anderen Menschen erwarte, falls ich welche suche. Wie kann ich jemanden anstarren, der anders aussieht, wenn ich doch selbst immer wieder angestarrt werde. Diese „normalen“ Gepflogenheiten habe ich gerade weil ich behindert bin und nicht, weil ich normal bin.

     

    http://magazin.handicapx.com/normal-sein-ist-ja-so-behindert/

  • UNFUCKABLE ??!!

    UNFUCKABLE ??!!

    Es gibt viele Labels, die man Menschen aufdrückt, ohne sie zu kennen. Wir Rollstuhlfahrer tragen das Label „unfuckable“. Unter all den Vorurteilen gegenüber gehandicapten Menschen, ist das, das Größte!

    Das Leben eines Singles ist schwer. Noch schwieriger ist es, wenn man sich bewusst für so ein Leben entschieden hat. Aber am schwierigsten ist es, wenn man ein bewusstes Single-Leben führt und behindert ist. Ich gebe zu, ich stamme aus der Generation „beziehungsunfähig“. Nein – das ist keine Ausrede für ein Lebensstil, der sich bewährt hat. Meine Generation hat sich anscheinend über eine gewöhnliche Beziehung hinweg entwickelt. In einer Welt, in der wir alles, zu jeder Zeit, an jedem Ort bekommen können, sind Liebesbeziehungen nicht mehr die oberste Priorität.  Und wenn wir eine Beziehung haben, dauert sie meisten nur so lange, bis wir ein neues Profilbild auf Facebook oder WhatsApp hoch geladen haben. Mittlerweile ist es wichtiger geworden ein Pikachu zu fangen, als sich einen Partner.

    Trotz allem, werde viele Singles von der Gesellschaft ständig als arme, einsame, verstoßene und ungeliebte Menschen angesehen. Umso mehr ein Single versucht, anderen diese bewusste Entscheidung klar zu machen, umso mehr wird er bemitleidet. Redet man nicht darüber, heißt es „Du musst doch mal über deine Probleme reden können. Es muss doch jemanden geben….“ Es ist ein ewiger Teufelskreis!  Wenn man zu allem „Übel“ noch gehandicapt ist, wird es richtig schwierig.

    Ich weiß nicht welches Vöglein gezwitschert hat, dass wir Rollstuhlfahrer alle unbedingt eine Beziehung haben wollen. So viele Menschen, denen ich erzähle, dass ich mich bewusst für ein Single-Leben entschieden habe, verstehen das komplett falsch. Meistens läuft es immer auf das Eine hinaus. Nicht das, was ihr jetzt denkt, sondern auf so was, wie: „Ach Süße, nur weil Du behindert bist, heißt es ja nicht, dass Dich niemand als Freundin haben will.“ Letztendlich wird alles darauf reduziert. „Ach du kannst dir keine Namen merken? Das liegt bestimmt an deiner Behinderung. Du hast immer noch kein Pikachu gefangen? Das liegt bestimmt an deiner Behinderung…“ Schade, dass man sich mit virtuellen Pokebällen kein Verstand fangen kann.

    Noch unterhaltsamer ist es, wenn man mit einem Fremden darüber spricht. Ich erzählte einer Verabredung, dass ich zwar keine Beziehung suche, aber jemandem vertrauen muss, bevor ich mit ihm intimer werden kann. Nach dem diese Worte meine Lippen verließen, konnte ich förmlich in seinen Augen sehen, wie bei ihm die Alarmglocken läuteten. Nach dem Motto „Achtung, Achtung – Vertrauen=Zuneigung, Zuneigung=Gefühle, Gefühle=Liebe und Liebe=Beziehung!“ Eigentlich wollte ich damit nur sagen „Ich will nicht nackt in meinem Bett zurück gelassen werden, um eine peinliche Begegnung mit meiner Pflegerin zu vermeiden oder in sonst irgendeiner peinlichen Situation zu landen.“ Aber das kam ihn gar nicht in den Sinn. Plötzlich sah er in mir die Frau, die ihn unbedingt als Freund haben will und am besten noch 10 Kinder in derselben Nacht zeugen möchte. Das kam mir so lächerlich vor, sodass ich ihm gar nichts mehr erklären wollte.

    Es gibt da aber noch eine andere Sorte von Mann. Die Sorte „Ich kann es kaum glauben, dass ich sie wirklich rum gekriegt habe“. Wer kennt das nicht? Man hat einen netten Abend, etwas Alkohol ist auch noch dabei gewesen und es herrscht eine vertraute Zweisamkeit. Vor kurzem erst hatte ich genau so einen Abend. Es war eine sehr gelassene Stimmung und ich kam jemandem näher. Doch umso näher wir uns kamen, umso tollpatschiger wurde er. Im Verlauf des Abends kam es mir vor, als wäre ich bei einem Auftritt von Chris Tall. „Darf ich das? Darf ich das?“ Bei jeder Berührung wollte er von mir eine Einverständniserklärung. „Ich hätte ihm vorher vielleicht eine Vollmacht geben sollen?“ dachte ich mir in dem Moment. Als hätte er Angst mich ausversehen „kaputt“ zu machen.

    Aufgrund solcher Ereignisse, wollte ich mit einem Mann nicht mehr weiter gehen, ohne ihn wenigstens ein bisschen kennen gelernt zu haben. Das hat nichts mit Gefühlen oder Bindung zu tun, sondern mit der eigenen Sicherheit. Leider trägt kaum ein Mensch, das Label „Sicher“. Generell sind Labels zu überbewertet. Single, verheiratet oder „in einer Beziehung mit“, sind nur Labels, die uns die Gesellschaft aufdrückt, um Menschen besser in eine Schublade stecken zu können. Doch lasst mich eins sagen, man kann keinen Menschen in eine Schublade stecken und schon gar nicht Rollstuhlfahrer. Wir sind zu groß, zu schwer und zu unhandlich, um uns in eine packen zu können. Jeder Mensch hat Bedürfnisse. Wir Behinderte haben sie natürlich auch. Wir können essen und trinken, also können wir auch Sex haben. Sex ohne Verpflichtungen oder Beziehungen. Denn wir sind auch zum Vögeln gut. „Unfuckable“ sind nur Menschen, die das Leben, aus der Sicht einer offenen Schublade betrachten.

     

    http://magazin.handicapx.com/single-mit-behinderung/

  • Kultur – Eine andere Art von Behinderung

    Kultur – Eine andere Art von Behinderung

    Es gibt einige Aspekte, die wir mit dem Wort „Kultur“ assoziieren. Anderes Essen, andere Musik und andere Sitten. Mit der zunehmenden Globalisierung, muss man sich heutzutage mit verschiedenen Kulturen auseinandersetzen. Doch in wie fern hat das jetzt mit Behinderung zu tun?

    Viele sagen immer, wie toll das ist, wenn man mit verschiedenen Kulturen aufgewachsen ist und wie viel man davon mitnimmt. Was viele jedoch verschweigen ist, wie hart es manchmal ist, die Balance zwischen diesen Parallelwelten aufrecht zu halten. In der einen Kultur ist etwas völlig normal und in der anderen überhaupt nicht. Man ist eingeschränkt in seinen Handlungen, seiner Meinung und Wahrnehmung für bestimmte Dinge. Anderes gesagt: Man wird behindert!

    Einem Kind, mit Migrationshintergrund wird schon früh klar, dass es anders ist, als die Anderen. Nicht weil es anders aussieht oder anders spricht. Nein – die kulturellen Differenzen machen es einem mehr als deutlich, dass man anders ist. Besonders komisch wurde es für mich, als in der Schule das Thema Fortpflanzung durchgenommen wurde. Für die Lehrerin und den Eltern meiner deutschen Freunde war es völlig normal darüber offen zu reden. Jede Frage wurde souverän beantwortet und es wurde oft genug klar gemacht, dass es das Natürlichste auf der Welt ist. Zuhause jedoch war das alles anders. Es war ein Tabuthema! „Warum nehmt ihr dieses Thema jetzt schon durch? Warum möchtest du überhaupt was darüber wissen? Du bist dafür noch viel zu klein, um es zu verstehen und bitte frag nicht mehr!“ Als Kind kam es mir so vor, als hätte ich etwas verbrochen, als wäre ich nicht normal, weil ich diese Fragen im Kopf hatte. Plötzlich war es das Unnatürlichste auf der Welt.

    Mit meinem ersten Aufenthalt in Syrien kamen weitere „komische Situationen“ hinzu. Ich wollte etwas einkaufen. Natürlich konnte ich die Ware erst bezahlen, nachdem der Verkäufer aufhören konnte mich anzuglotzen. Doch daran bin ich gewöhnt. Im Nahen Osten sieht man schließlich nicht oft Rollstuhlfahrer. In Deutschland werde ich auch ziemlich oft angesehen, obwohl es da mehr Rollstuhlfahrer in der Öffentlichkeit zu sehen gibt. Schön, dachte ich mir. Wenigstens gibt es in diesem Punkt Gemeinsamkeiten, trotz der verschiedenen Kulturen. Als ich mit dem Einkauf zurück in die Wohnung meiner Cousine kam, wurde ich erst mal für verrückt erklärt, da ich mit dem Verkäufer nicht verhandelt hatte. Am nächsten Tag, machte ich den nächsten großen „Fauxpas“. Als wir draußen waren, lächelte mich ein älterer Herr an und ich lächelte zurück. Auch wenn es ein „Angst-lächeln“ war. Mit demselben Lächeln begegnete ich nämlich auch großen Hunden, da ich Angst habe, dass sie mich sonst anspringen. Trotzdem empfand ich es als unhöflich, wenn ich nicht zurück lächeln würde. Natürlich wurde ich direkt darauf hingewiesen, dass es nicht normal sei, einen Fremden in Syrien anzulächeln.

    Mittlerweile nehme ich all diese kulturellen Unterschiede mit Humor. Wie heißt es so schön „Komik ist Tragik in Spiegelschrift“. Das waren jetzt nur zwei kleine Beispiele, obwohl es mindestens noch eine Million weitere gibt. Es ist alles andere, als einfach mit all diesen Unterschieden herauszufinden, wer man wirklich ist. Was nun richtig oder falsch ist. Das kann einem Menschen nachhaltig in seinem Bewusstsein schaden. Nicht nur ein Rollstuhl oder Krücken können einen Menschen im Leben behindern, sondern auch in verschiedenen Kulturen aufzuwachsen und nicht zu wissen, was nun „das Richtige ist.“ Kultur ist eine gesellschaftliche Volksbehinderung, die es nicht zulässt, sich voll und ganz auf andere Menschen einzulassen. Barrieren sind nicht unbedingt immer nur Treppen oder fehlende Fahrstühle, sondern auch Verständnislosigkeit für andere Menschen, die anders aussehen oder andere Musik hören. Im Alltag ist das kaum jemandem bewusst, doch genau diese kleinen Dinge bringen Vorurteile hervor, die uns in unserem Umgang mit anderen Menschen negativ beeinflussen.

    Man sollte meinen, dass mit der zunehmenden Globalisierung und den offenen Grenzen so etwas kein Thema mehr sein sollte. Doch das ist es nach wie vor! Umso mehr die Technologie sich entwickelt hat, umso mehr entwickeln sich die Menschen scheinbar zurück. Aktuell spricht die gesamte EU über den BREXIT. Die patriotischen Starrköpfe in Großbritannien haben mit einem einzigen Referendum, die Generation einer gesamten Nation in eine unsichere Zukunft gedrängt. Nur weil sie ihre kulturellen Werte vor alles andere gestellt haben. Das ist kurz gesagt behindert!

     

    http://magazin.handicapx.com/kultur-eine-andere-art-von-behinderung/

  • Darf man behinderte Menschen kritisieren?

    Darf man behinderte Menschen kritisieren?

    Vorgelassen werden bei langen Schlangen, Bevorzugungen auf dem Arbeitsmarkt und Steuererleichterungen in Deutschland – Alles Dinge, die Menschen mit einem Handicap kennen und gerne nutzen. Dennoch tun viele Leute mit Behinderung so, als hätten sie nur ein Stückchen vom Kuchen bekommen und andere eine ganze Torte. Viele von unserer Spezies können unausstehlich sein und total uneinsichtig, trotzdem werden wir kaum darauf aufmerksam gemacht.

    Doch wie weit darf ein Mensch mit Behinderung gehen, um von anderen „normalen“ Menschen kritisieren bzw. belehrt zu werden?

    Zugegeben, ich habe oft in meiner Vergangenheit den Bogen bewusst überspannt, um endlich zu sehen, wo andere Menschen ihre Grenzen haben. Doch es gab keine. Ich habe mich einmal offensichtlich unter einem Nichtraucher Schild am Bahnhof hingestellt und meine Zigarette angemacht. Obwohl zehn Meter vor mir zwei Polizisten standen, genoss ich jeden einzelnen Zug, ohne gestört zu werden. Als wäre das noch nicht provokant genug, habe ich dann noch gewunken.

    Mir war nie bewusst, wie viel Narrenfreiheit ich habe, da ich zu sehr damit beschäftigt war „gleichberechtigt“ behandelt zu werden. Es gibt für mich keinen schöneren Zeitvertreib, als über kontroverse Themen zu schreiben und dementsprechend auch mit anderen Menschen zu diskutieren. Natürlich alles auf einer sachlichen Ebene. Wofür ich aber kein Verständnis habe, sind Leute, die meinen, dass man mit einem gehandicapten Menschen nicht hart ins Gericht gehen kann.

    „Sie haben es ja ohnehin nicht einfach“, denken viele Menschen!

    Wenn ich im Netz über politische, religiöse oder gesellschaftskritische Themen schreibe, stoße ich immer wieder auf Personen, die plötzlich anders mit mir über diese Themen sprechen, nur weil sie heraus gefunden haben, dass ich eine Rollstuhlfahrerin bin. Als hätte meine Behinderung Einfluss auf meine Argumentationen. Aufgrund dieser minderbemittelten Leuten, habe ich meinen Blog, in dem ich gerne über alles schreiben würde, bewusst getrennt und einen anderen zusätzlichen erstellt. Es muss nur ein Idiot her kommen und sagen „Hey Leute, die Frau ist behindert, so könnt ihr nicht mit ihr reden.“ Und dann geht es schon los: „Ach das tut mir aber leid. Wenn ich das gewusst hätte, hätte ich all das nicht gesagt. Als Rollstuhlfahrerin ist es verständlich, dass du das anders siehst. …bla bla bla…“ Das ist immer wieder ein Todschlagargument für so viele Leute, um keine Meinung mehr vertreten zu wollen. Manchmal stelle ich mir dann so kranke Fragen wie, „Was wäre, wenn Hitler oder solche Terroristen, wie die ISIS behindert wären?“ Wären all ihre Verbrechen an die Menschheit dann verständlicher? Würde man dann auch darüber hinweg sehen, da man als Behinderter generell (egal, wie intelligent man ist) immer anders wahrgenommen wird.

    „ Jede Minderheit hat ein Recht auf Diskriminierung.“

    Dieses Zitat kommt vom Kabarettist Serdar Somuncu. Ich zitiere ihn immer wieder gerne, da er genau das wiedergibt, was ich immer wieder ausdrücken möchte. Unter „Gleichberechtigung“ muss man auch gleichermaßen die Kritiken an allen Volksgruppen, Religionen und Menschen ausüben dürfen. Für mich ist das auch eine Form der Diskriminierung, wenn mein Diskussionspartner mich plötzlich anders behandelt, nur weil er meint, dass die vier Räder unter meinen Hintern, Auswirkung auf mein kognitives Denkvermögen haben. Zum Schluss möchte ich gerne meinen Nicht-Behinderten Lesern etwas mitgeben. Ja, ihr dürft uns kritisieren oder belehren. Wir können manchmal genauso unausstehlich sein, wie ein spießiger Nachbar oder ein AFD Wähler.

     

    http://magazin.handicapx.com/darf-man-behinderte-menschen-kritisieren/

  • Was haben Migration und Inkusion gemeinsam?

    Was haben Migration und Inkusion gemeinsam?

    Deutschland – Das Land der Dichter und Denker, entwickelt sich immer mehr zum Land der dichten Denker!  Wir Deutsche lieben es simple Sachverhalte kompliziert und schwierig darzustellen, damit kaum jemand unserer System begreifen, oder sich gar darin integrieren kann. Die Diskussionen über dieses äußerst bekannte Wörtchen „Integration“ nehmen kein Ende.

    In einem Land, wie Deutschland, könnte ich als einzelne Person, alle drei Quoten erfüllen, die es in einem Unternehmen so gibt. Ich bin eine Frau, mit einem Migrationshintergrund und einem Inklusionsvordergrund. Dass ich ursprünglich aus dem Nahen Osten stamme, sieht man mir nicht an, doch meine Behinderung prescht so deutlich vor, wie aktuell Jan Böhmermanns Schmähgedicht in der Türkei. Als junge Frau, die zwischen der Integration und Inklusion sitzt, merke ich immer wieder, wie viele Parallelen es doch dazu gibt. Weder für Menschen mit einem Migrationshintergrund, noch Menschen mit Behinderung ist dieses Land gewappnet.

    Aber was macht es so schwer, sich hier in Deutschland zu integrieren? Und was haben jetzt Migration und Inklusion gemeinsam?

    Im Grunde werden Migranten und Menschen mit Behinderung in Deutschland ähnlich angesehen. In Deutschland ist man auch in irgendeiner Art und Weise Behindert, wenn man die deutsche Sprache nicht richtig beherrscht. Für beide erschafft man eine Parallelwelt, anstatt sie in die Gesellschaft zu integrieren. Das Wort „Inklusion“ benutzt man, damit es keine Irritationen gibt zwischen Integration und Inklusion. Generell erschafft man gerne neue Worthülsen, damit man schön kleinbürgerlich und engstirnig beide Begriffe unterscheiden kann.

    Inklusion – Ein Wort, welches sogar meine Autokorrektur noch nicht mal kennt und ständig rot unterstreicht. Wenn sogar mein Schreibprogramm dieses Wort nicht kennt, wie soll ich denn von anderen Menschen, die noch nie was damit zu tun hatten, erwarten, dass sie wissen, was das ist?

    Für fast alles in meinen Leben musste ich bisher selbst an diverse Türen kloppen und sagen „Hey hier bin ich. Ich möchte ein Antrag für dies und jenes stellen.“ Die Rechte und Gesetze dafür gibt es. Doch kaum jemand benutzt bzw. kennt sie. Alles ist so verzwickt und versteckt, sodass es noch schwieriger ist herauszufinden, was einem zusteht. Hier mache ich aber nicht unbedingt den Staat dafür verantwortlich, sondern eher uns Rollstuhlfahrer bzw. gehandicapte Menschen, die sich nicht selbst für ihre Rechte einsetzten. Wir warten ständig bis es uns jemand in den Schoß legt.

    So ähnlich sieht es auch bei den Migranten aus. Menschen mit Migrationshintergrund werden auch anderes behandelt, nur weil sie die Sprache nicht beherrschen. Seit Jahren entstehen viel mehr Ghettos und Wohnviertel, in denen man mehr unter sich ist.

    Selbst, wenn man sich nun dazu entschlossen hat, diese Rechte, die uns allen zustehen, zu nutzen, wird man vor viele Hindernissen gestellt.  Besonders bei den deutschen Ämtern merkt man das immer wieder. Die Ämter sind heutzutage vergleichbar mit Rollstuhlfahrern. Sie sind ohne ihren Rollstuhl völlig hilflos. Die Beamten hingeben reiten auf Paragrafen herum, als wäre es ein Rollstuhl, ohne den sie nicht Nachdenken können. Sie erwarten von einem Flüchtling tatsächlich, dass sie Wörter wie „Inanspruchnahme, Grundstücksentwässerungsanlage oder Restmüllbeseitigungsbehälterentleerung“ verstehen. Wie soll das bitte ein Flüchtling, der erst vor kurzem in Deutschland eingereist ist verstehen? Selbst ein Deutscher versteht nicht all diese Begriffe. Die Beamten hingegen verstehen nur solche Worte. Das ist für sie eine Art Code, den man knacken muss, um ins zweite Level zu kommen. Das zweite Level ist in dem Fall, den richtigen Antrag in die Hand gedrückt zu bekommen. Wenn man dann auch noch genug Ausdauer hat, um das Gesetz wirklich geltend zu machen, dann hat man es geschafft, vorerst! Denn eigentlich muss man nicht nur ein oder zwei Anträge für seinen persönlichen Bedarf stellen, sondern gefühlt Hunderte, bis man fertig ist. Bestenfalls hat der Sachbearbeiter, der vor einem steht so etwas schon mal gemacht und kann dir sagen, wie es weiter geht. Aber in der Regel hat er sogar noch weniger Ahnung, als man selbst, obwohl das sein Job ist.

    Ich durfte beides hautnah miterleben und könnte theoretisch damit bei einer Comedy Sendung auftreten. An einem Montagmorgen, sollte ich im Ausländeramt für eine Frau, die aus ihrer Heimat geflüchtet ist, übersetzen. Die Begrüßung war schon fantastisch. Die Sachbearbeiterin begrüßte die Frau mit „Guuuten Taaag Frau xxxx“ Schön langsam und laut, so als wäre die Frau neben mir taub! Dann kam die Sachbearbeiterin zu mir. „Klappt das so mit ihrem Rollstuhl? Können sie auch sprechen und mich verstehen?“ Ich war kurz davor mich taub zu stellen, um die Reaktionen weiter zu testen, aber das habe ich dann unterlassen. Stattdessen antwortete ich „Ja, kann ich! Sie mich auch?“ Sie nickte und lächelte mich leicht irritiert an. Ich riss mich zusammen und übersetzte alles unkommentiert. Jede einzelne Frage, die sie mir gestellt hat, betonte sie peinlich genau. Mit dieser „leichten Sprache“ hat die Beamtin weiterhin mit mir geredet. Bis dahin fand ich es ja schon sehr unterhaltsam, doch es kam noch besser. Ich musste ernsthaft Dinge übersetzten wie: „ Sie dürfen nicht ihre Kinder zu Tode prügeln. In Deutschland wäscht man sich in der Dusche oder Badewanne. Sie dürfen nicht klauen…“ usw. Scheinbar ging die Beamtin im Ausländeramt davon aus, wenn man nicht aus Deutschland kommt, hält man all das für nicht selbstverständlich. Innerlich schüttelte ich nur noch meinen Kopf. Irgendwann kamen wir dann auch zum Ende und die Sachbearbeiterin fragte mich einige private Dinge. „In welcher Behindertenwerkstatt arbeiten sie denn?“ Erneut versuchte ich mir meine sarkastischen Sprüche zu unterdrücken. „Ich studiere BWL.“ Die Sachbearbeiterin starrte mich mit großen Augen an. „Ach, sie studieren. Und wo haben sie kurdisch und arabisch gelernt?“ Ich sagte ihr, dass ich ursprünglich aus Syrien komme. Dann kam der Standardspruch, den vermutlich jeder kennt, der eine andere Muttersprache hat. „Sie können aber gut Deutsch.“ Ab dem Moment konnte ich mir einfach nicht mehr meine Sprüche verkneifen: „Ja klar, nach mehr als 22 Jahren sollte man doch die Sprache beherrschen?! Abgesehen davon habe ich fast mein gesamtes Leben hier verbracht!“ Die Sachbearbeiterin merkte, dass ich langsam genervt war und lies uns dann endlich gehen.

    Als ich raus ging, dachte ich über die Situation noch mal nach und kam auf die Erkenntnis, dass jeder irgendwie behindert ist. So lange wir alle zwischen Migranten, Deutschen, Behinderten und Gesunden unterscheiden, bleiben wir alle irgendwie eingeschränkt und gehandicapt in unser Sichtweise auf andere Menschen!

  • Minderwertigkeitskomplexe

    Minderwertigkeitskomplexe

    Nach einem langen Abend mit Cocktails und kleinen Häppchen, bei einer Neueröffnung für ein Hauptstadt-Büro in Berlin, bei dem fast alle sich selbst gespielt haben, dachte ich über Minderwertigkeitskomplexe nach. Unzählige Menschen unterhielten sich über irgendwelche total oberflächlichen Sachen, um sich selbst zu beweisen, wie tiefgründig sie doch sind. Obwohl ich mir selbst sehr befremdlich in der Situation vorkam, spielte ich das Spielchen mit. Mal gab ich vor eine Journalistin zu sein, dann eine fleißige BWL-Studentin und irgendwann auch die Nahost-Expertin. Doch irgendwie wollte das niemand hören. Alle wollten „die Rollstuhlfahrerin“ haben.

    Um fair zu bleiben, muss ich aber auch sagen, dass ich die einzige an diesem Abend war, die ihre vier Räder nicht vor der Tür geparkt hat, sondern im Raum dabei hatte. Ich war ohne es zu wollen, das Highlight. Wie gewohnt musste ich auf die anderen Leute zugehen, da die Menschen oft zu sehr damit beschäftigt sind mich anzustarren, statt mich anzusprechen. Letztendlich lief alles auf die eine Frage hinaus. „Darf ich fragen, warum Sie im Rollstuhl sitzen?“ Nach dem ich die Frage zum 10. Mal hörte, war ich kurz davor zu antworten: „Ach ich fand es so viel gemütlicher. Schließlich trage ich schon den ganzen Abend diese hohen Schuhe.“ Doch ich verkniff mir diese Antwort. Ich war schließlich die heimliche Behindertenbeauftragte des Abends.

    Nach dem ich glaubte betrunken genug zu sein, sprach ich noch mal mit dem Redakteur des Nachrichtenmagazins. Ich wollte ihn fragen, warum ihre Gastautoren keinen Cent für ihre Arbeit bekommen, weshalb meine Überschriften ständig geändert werden und warum es heutzutage so schwierig ist Wahrheit von Meinung zu unterscheiden. Bevor ich all das ansprechen konnte, fragte er: „Frau Jaafar, Sie studieren doch BWL?“ Irritiert bejahte ich diese Frage. „Die Texte, die Sie für uns schreiben, sind aber sehr politisch.“ Zwar wusste ich nicht was er damit sagen möchte, aber ich hörte aufmerksam zu. „Wieso schreiben Sie für uns nicht mehr über ihr Leben als Rollstuhlfahrerin?“ Heimlich rollte ich meine Augen und erzählte ihm von meiner Kolumne und das ich bewusst meine politischen Texte von meinen Rollstuhlfahrer-Texten strikt trenne. „Es wäre super, wenn Sie für uns dasselbe machen würden.“ Er verstand nicht, was ich mit „trennen“ meinte. Trotzdem lächelte ich höfflich, um endlich gehen zu können. Es war einfach schon zu spät, um ihm zu erklären, wie schwierig es ist, als Rollstuhlfahrerin nur die Expertin für das Leben mit Handicap zu sein.

    Als ich endlich durch die Tür ging und die restliche „irgendwas mit Medien Klientel“ sich auch verabschiedete, wollte ich nur noch in meinen Pyjama schlüpfen. Schließlich trug in Berlin gefühlt fast jeder Zweite eine Jogginghose. Während ich rauchend darauf wartete, endlich abgeholt zu werden, fragte ich mich selbst, warum ich unbedingt als mehr wahrgenommen werden will, als nur als Rollstuhlfahrerin? Auch wenn das arrogant klingt, aber ich weiß doch genau was ich draufhabe. Warum möchte ich die Bestätigung von Fremden? Habe ich etwa auch Minderwertigkeitskomplexe? Schließlich stelle ich mich bei dieser Veranstaltung selbst zur Show. Fakt ist, dass alle Menschen, die von vielen Leuten gesehen und gehört werden wollen, einen Minderwertigkeitskomplex haben. Ich unterstelle jetzt einfach mal, dass jeder Mensch irgendwann diese Komplexe hat oder hatte. Die Frage ist nur, wann wird es zu viel?

    Es war für mich schon immer wichtig, weder von meiner Behinderung noch von meinen Komplexen mein Leben bestimmen zu lassen. Die Wahrheit ist aber, dass ich ohne diese Komplexe und ohne meine Behinderung, bestimmt nicht diesen Elan hätte, unbedingt mehr erreichen zu wollen, als andere. Doch anders als früher tue ich das heute aus den richtigen Gründen. Ich tue es für mich und mein Leben, nicht für die Bestätigung der anderen. Wenn ich so wahrgenommen werde, wie ich bin, ist das toll und wenn ich nur so angesehen werde, weil ich im Rollstuhlsitze, ist es mittlerweile auch ok für mich. Das war für mich ein langer Weg, bis ich zu dieser Erkenntnis gekommen bin. Aber heute weiß ich, dass ich nicht von allen Menschen erwarten kann, mich so anzusehen wie ich bin. Viele Menschen werden auch aufgrund von Äußerlichkeiten beurteilt. Warum soll es bei mir eine Ausnahme geben?

    Meine Minderwertigkeitskomplexe sind meine Komplexe, ich muss damit meinen Frieden schließen und nicht andere. Umso früher man auf diese Erkenntnis kommt, umso mehr ist man im reinen mit sich selbst. Komplexe müssen nicht immer negativ sein. Es ist nur wichtig zu wissen, warum man Sie hat und was der einzelne daraus Positives schöpfen kann.

     

    http://magazin.handicapx.com/minderwertigkeitskomplexe/

  • Tinderella on Tour

    Tinderella on Tour

    Wie viel müssen wir eigentlich über einen Menschen wissen, bevor wir sie oder ihn daten? Reicht uns ein Bild, der Beruf oder das Alter schon aus, um einen Menschen näher kennen zu wollen? Sind wir eigentlich im Internet dieselbe Person, wie im realen Leben, oder stellen wir uns unbewusst anders dar?

    All diese Eigenschaften spielen beim Online-Dating eine große Rolle. Unzählige Leute lernen sich heutzutage genau auf diese Art und Weise kennen. Aber was ist, wenn unsere Vorstellungen mit der Realität nicht übereinstimmen? Und wie oft hast du dich gefragt, ob dein Blind Date womöglich ein Handicap hat?

    Die Antwort ist, dass keiner sich darüber vorher Gedanken macht. Das ist auch kein Wunder, da daten und behindert sein für viele Menschen zwei total widersprüchliche Sachen sind. Nun ja, ich hab daraus ein Experiment gemacht und diese zwei vermeidlich widersprüchlichen Sachen vereint.

    Ich wollte wissen, wie Männer auf Tinder auf eine bloggende Rollstuhlfahrerin mit Migrationshintergrund wie mich reagieren. Die Bedingung dafür war, dass ich nicht jedem direkt gesagt habe, dass ich eine Behinderung habe und so die verschiedenen Reaktionen miteinander vergleichen wollte.

    Das erste Date

    Drei von fünf Männern wussten vor unserem Treffen nicht, dass ich im Rollstuhl sitze. Um eins vorweg zu sagen: Egal, ob ich ihnen vorher gesteckt habe, dass ich ein Handicap habe, oder nicht, die Reaktionen darauf waren ziemlich gleich. Vom peinlichen Schweigen bis hin zur großen Begeisterung, dass ich neben dem Rollstuhl fahren und meinem Studium tatsächlich auch noch denken und sprechen kann, war alles dabei.

    Nach circa fünf Tagen habe ich trotz all meiner Bedenken das erste Date mit jemandem ausgemacht. Tinder – Man Nummer 1 zeigte sich ziemlich ordentlich und ganz schön „hip“ für seine Mittdreißiger Jahre. Er schien ganz gut situiert in seinem Leben zu sein und versuchte sogar einen auf Hipster zu machen, in dem er sich seinen schönen grausigen Bart mühevoll auswachsen lies.

    Das Date mit ihm lief ziemlich gut, ja fast schon zu gut! Er fragte ziemlich interessiert nach meinem Leben und hat ernsthaftes Interesse gezeigt. „Gott sei Dank bin ich behindert“, dachte ich mir. Sonst hätte ich noch mit ihm schlafen müssen.

    Ein anderes normales „Tinder-Girl“ hätte sich vermutlich dieses Match nicht entgehen lassen. Doch wie heißt es so schön „wenn es am schönsten ist, sollte man gehen.“ Wir verabschiedeten uns voneinander und er bat mich, bevor er ging, sogar um ein zweites Date. Im Großen und Ganzen waren es ein paar nette Stunden, die ich mit ihm verbracht habe.

    Das zweite Date

    Spannend und gleichzeitig gelangweilt wartete ich mutterseelenallein am Bahnhof auf mein 2. Date. Ihm habe ich nicht verraten, dass ich im Rollstuhl sitze. Er war ein Landsmann von mir. Durch meinen Migrationshintergrund, der täglich hinter mir her schlendert, erlaubt es mein Open-Minded-Horizont auch meine anderen Landsleute unter die Lupe zunehmen.

    Zwischen all den neuen irritierenden Flüchtlingen, die sich wieder mal am Bahnhof tummelten, entpuppte sich meine Verabredung, als ein kleinwüchsiger, behaarter Kobold. Nicht zu vergessen seine Bierwampe, die er sich während seines Auslandssemesters, neben all seinen „Aktivität“, die er bei Tinder so schön dargestellt hatte, angetrunken hat.

    Dennoch wollte ich ihm eine Chance geben. Irgendwie hatte ich ein bisschen Mitleid. Abgesehen davon bin ich die Letzte, die auf Oberflächlichkeiten achten sollte. Auch wenn er es nicht mal für nötig gehalten hat, seine Haare zu kämmen, bevor er aus dem Haus gegangen ist. Ok, die Bezeichnung „Haare“ ist noch zu schön formuliert.

    Es waren eher ein paar Deckhaare, die seine Glatze verdeckt haben. Dennoch wollte ich mich nicht davon beirren lassen und lächelte ihn freundlich an. Sichtlich irritiert begriff er, dass er ein Date mit mir, der Rollstuhlfahrerin hat, die ihn von weitem anlächelte.

    Er hörte sich so gerne selbst beim Reden zu. Normalerweise haben Menschen wenigstens eine nette Persönlichkeit, wenn sie wissen, dass sie nicht unbedingt wie ein Supermodell aussehen, doch das traf bei ihm nicht zu.

    Tinder kann süchtig machen

    Zwischendurch stellte ich mir die Frage, wer wohl von uns der Behinderte war? Ich, die sich auf all diesen Mist einließ, oder er, der tatsächlich meinte, dass daraus mehr werden kann. An dieser Stelle beantworte ich diese rhetorische Frage lieber nicht.

    Irgendwann begriff selbst er, dass es ziemlich schlecht lief und fragte mich, ob wir zahlen sollen, um zu gehen. Ich stimmte euphorisch zu und die Kellnerin kam, um abzurechnen. Sie fragte: „Zusammen oder getrennt?“

    Bevor es noch peinlich wurde, sagte ich: „Getrennt bitte!“. Ich schaute ihn skeptisch an und bezahlte meinen 1,80 € Kaffee selbst. Nun, ein Vorteil haben getrennte Rechnungen, und zwar das auch getrennte Gehen!

    Insgesamt habe ich in den zwei Wochen, während ich bei Tinder angemeldet war, fünf Dates gehabt, die verschiedener nicht ablaufen konnten. Mit zunehmender Benutzung stellte ich mir zwischendurch oft die Frage „leben ich nun oder tindere ich nur?!“ Ja liebe Leute, nicht nur Candy Crush kann süchtig machen!

    Öffnet neue Türen

    Mit dieser App haben wir nicht nur den Zenit der totalen Oberflächlichkeit erreicht, sondern beweisen uns auch selbst damit, wie sehr wir uns von Fotos, Illustrationen, Selbstdarstellungen und Ich-Porträts hereinlegen lassen. Doch eins muss man ganz klar sagen: Die oberflächliche Schönheit, beziehungsweise Aussehen eines Menschen, ist das Erste, was wir an einem Menschen sehen.

    Sowohl im realen Leben, als auch in unserem virtuellen Leben, spielt das eine primäre Rolle. Im Internet war ich selbstsicher und schrieb sogar andere an, doch im realen Leben hätte ich das vermutlich nie gemacht.

    Fakt ist, dass diese Art der Kommunikation uns ganz neue Türen öffnet. Wir treffen uns nicht mehr auf Partys, um neue Leute kennenzulernen, sondern immer mit den gleichen Leuten in der gleichen Lokalität. Führer wurde man verkuppelt, doch heute passiert das immer seltener.

    Solche Apps, wie Tinder, finden immer mehr Platz in unserer Gesellschaft. Wir bestellen nicht mehr nur unsere Bücher, unser Essen oder unsere Kleidung im Internet. Wir sind schon so weit, dass wir sogar unsere Bekanntschaften aus dem Internet haben.

    Unser virtuelles Leben hat mittlerweile mehr Präsenz, als wir uns das eingestehen wollen. Ich frage mich, ob Tinder vielleicht sogar die klassischen Café- und Bahnhofsgespräche in der Zukunft ersetzen wird?

    http://www.huffingtonpost.de/arin-jaafar/dating-onlinedating-tinder_b_9856506.html

  • Ist das nur ein Fetisch oder schon behindert ?

    Ist das nur ein Fetisch oder schon behindert ?

    So wie Jan Böhmermann schon gesagt hat, ist in keiner anderen Stadt Sex und gutes Essen so nah beieinander, wie in Saarbrücken. Da in unserem Nachbarland Frankreich Prostitution auf offner Straße nicht erlaubt ist, sind viele Prostituierte zu uns nach Saarbrücken gekommen, um ihre Dienstleistungen weiterhin anbieten zu können. Erfahrene Touristen mit Stil kennen diesen Geheimtipp und machen daher gerne mal ein Abstecher nach Saarbrücken. 

    Vor kurzem musste ich durch so eine zwielichtige Straße gehen, um meinen Bus zu bekommen.
    Während ich die nächste Bushaltestelle suchte, fuhr ein Auto langsam an mich heran. Der Fahrer des Autos blieb irgendwann stehen. Ich schaute zu ihm hin, da ich vermutete, dass er sich verfahren hat oder wissen wollte wo diese Straße hin führt. Ich wusste ja nicht was  da noch kommen würde.
    Das Fenster der Beifahrerseite machte er auf und rief: „Hey du, ja dich meine ich.“
    Ich antworte: „Ja, bitte?“
    Er: „Wie viel?“
    Ich war total verwirrt und fragte „Wie bitte?“
    Der Fahrer: „Ja, wie viel willst du für deine Leistung?“
    Während ich weiterhin leicht verwirrt und reglos da stand, fragte er erneut „Wie viel?“
    „Ich bin keine Nutte“, rief ich ihm zu.
    „Jetzt stell dich nicht so an, ich zahle sogar so viel wie für eine normale Nutte.“
    Nach dem Satz war ich noch verwirrter, als vorher.
    „Wie für eine normale Nutte?“ antworte ich ihm.
    Er: „Ja du bist behindert, ich müsste die ganze Arbeit machen. Aber du siehst süß aus und ich stehe darauf, wenn sich die Frau nicht wehren kann.
    Erneut lehnte ich sein Angebot klar  und deutlich ab.
    „Wer nicht will, der hat schon“, sagte er und fuhr weg.
    Als ich dann endlich im Bus saß, dachte ich über den Vorfall wieder nach. War das nun nur ein Fetisch von diesem Mann oder ist das schon behindert?
  • Immer wieder Ärger mit der Deutschen Bahn

    Immer wieder Ärger mit der Deutschen Bahn

    Wo ist die Bild-Zeitung, wenn man Sie brauch?
    – Und nein, dass ist kein „Der Postillon “ Artikel –
    Koblenz – Um 00:45 stehen vor dem Koblenzer Hauptbahnhof zwei Polizeiwagen, ein Krankenwagen und die Feuerwehr. Was war los ? War es ein Band oder ein Unfall? Nein – Nichts von all dem!
    Als ich gestern Abend von Bonn nach Koblenz gefahren bin, stieg ich aus dem Zug aus und wollte zum Fahrstuhl fahren. Angekommen am Fahrstuhl stand auf einem Schild „DEFEKT“. Ich wurde kreidebleich. Zufällig stand noch ein anderer Zug da und ich fragte den Zugfahrer was ich nun tun soll, um runter zu kommen. Der Zugfahrer machte einen völlig gelassenen Eindruck, so das er mir das Gefühl von Hoffnung gab. Er rief die Zentrale der Deutschen Bahn an. Schon nach kurzer Zeit erreichte er jemanden und sagte zu mir, dass gleich jemand kommen würde. Er erklärte mich, dass er sich nicht verspäten möchte und deshalb gleich wieder los fahren muss. Daher lies ich den Zug weiter fahren. (Ich ahnte ja nicht was noch kommen würde) Nach 20 min erst kam jemand. Und Wer war es? Die Polizei!
    Die Polizei konnte mir natürlich auch nicht weiter helfen. Das einzige was sie getan haben, war es auch die Zentrale der Deutschen Bahn zu erreichen. Selbst in so einem Moment, dachte ich an damals, als ich in Aleppo war und im 4. Stock eines Hochhauses fest steckte. Innerhalb von 15 min kam jemand vorbei und hat den Fahrstuhl manuell betrieben. So konnte ich ohne Probleme wieder raus aus dem Fahrstuhl kommen.
    Während ich noch in meinen Erinnerungen schwelge, merke ich wie der Polizist langsam nervös wird und nicht mehr weiß was er machen soll, da ihm die Deutsche Bahn auch nicht weiter helfen kann (oder will). Sie meinten, dass sie schon alles getan haben und sogar einen Bahnmitarbeiter geschickt haben. Andere Polizist hatte dann die „grandiose“ Idee, die Feuerwehr zu rufen. Währenddessen versuche ich meine Eltern zu erreichen, die fest mit der Ankunft ihrer Tochter gerechnet haben. Ich musste meinen Eltern tatsächlich am Telefon erklären, dass die Deutsche Bahn, die Polizei, die Feuerwehr und die Sicherheitsleute am Bahnhof, alle nicht wissen wie ich von einem Bahngleis runter kommen kann.
    Mein Vater und ein Onkel fuhr zu mir und konnten kaum glauben was ich ihnen da erzählt habe. Mittlerweile stand schon 8 Leute um mich. Jeder gesunde Menschenverstand würde daran denken, mich runter zu tragen, doch das erwies sich schwerer als gedacht. Da mir die Feuerwehr erklärt hat, dass sie nur dazu befugt sind mich „zu retten“ aber der Rollstuhl erst morgen von einem anderen Einsatz runter gebracht werden kann. Weil so nun mal ihre Vorschriften sind. Da alles andere gegen ihre Vorschriften stoßen würde. Langsam war ich so genervt, dass ich den Herren von der Feuerwehr gefragt habe, welche Institution dann verantwortlich sei, um meine Handtasche zu transportieren?
    Als dann nun endlich was passiert ist und ich von der Feuerwehr runter getragen wurde, haben mein Vater und meinem Onkel meinen Rollstuhl runter getragen haben, während die Polizei, der Mitarbeiter der Deutschen Bahn und der andere Typ von der Feuerwehr zugeschaut haben. Weil (wie gesagt ) sie ihre Vorschriften nicht verletzten dürfen. Als das ganze Drama beendet war, sagte der Polizist ernsthaft „Bitte, wir haben gerne geholfen!“ In dem Moment dachte ich mir „Wo ist die Bild-Zeitung, wenn man Sie brauch?“
    (November 2014)