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  • Fake News – Warum die Wahrheit keine Rolle mehr spielt

    Wenn es ums Klima geht, gibt es die gefühlte Temperatur und die tatsächliche Temperatur. Heutzutage gibt es jedoch auch die gefühlte Wahrheit. Aber woran erkennt man nun die Wahrheit? Wenn es um Wetter geht, gibt es Thermometer, die die tatsächliche Temperatur messen können. Aber mit welchen Instrumenten können wir die tatsächliche Wahrheit messen? 

    Mehr Likes für falsche Tatsachen

    Mit der Realität? Bestimmt nicht. Jeder kann dank Social Media komplett andere Tatsachen erschaffen und darstellen. Wie soll man erkennen, was wahr oder falsch ist, wenn selbst ganz normale Menschen den Drang verspüren, gewisse Dinge vorzuspielen, nur um etwas mehr Bestätigung zu  bekommen? Bei Nachrichten,- oder Zeitungsredaktionen ist es genauso. Wenn überhaupt noch jemand ernsthaft sich eine Zeitung durchliest oder sich die Nachrichten anschaut. Das heutige System ist ganz einfach zu erklären: Umso mehr Klicks ein Beitrag hat, umso mehr Geld kann man damit verdienen.   

    Online Verkäufer mit neuer Berufsbezeichnung 

    „Produktplatzierungen“ werden öfter angeklickt als Nachrichten. Wir wissen, dass Werbung uns bewusst manipuliert, trotzdem klicken wir immer wieder drauf. Früher hat man Avon-Verkäuferinnen oder Staubsaugervertreter, die Tür vor der Nase zugeschlagen. Heute nehmen wir diese penetrante Verkaufsstrategie via. Social Media freiwillig in Kauf. Nicht nur in Kauf, wir fördern es sogar noch aktiv und ermöglichen solchen Verkäufern („Influencer sind im Prinzip ja auch nur überbezahlte Verkäufer, die zu viel Zeit haben), ein sorgenfreies und luxuriöses Leben zu finanzieren, ohne jemals wirklich dafür gearbeitet zu haben. Warum? Weil es grade total populär ist und jeder am liebsten selbst sowas machen möchte.  

    Hauptsache es ist populär 

    Und apropos populär: Falls etwas nicht so populär ist, wird es gar nicht erst von den Presseagenturen bzw. den Redaktionen gesendet. Nicht etwa, weil man es nicht veröffentlichen will, sondern weil es nicht richtig verkauft werden kann bzw. es sich nicht so gut verbreiten lässt. Alles muss immer größer, schlimmer und extremer gemacht werden, um der Sache überhaupt Beachtung zu schenken.     

    All time Favorite Themen, wie die AFD 

    Obwohl wir das wissen, ist es sehr vielen einfach egal. Wenn es nicht so wäre, gäbe es ähnliche Proteste, zu einer verfälschten Medienpräsens, so wie die der Fridays for Future Kampagne. Doch sowas existiert nicht. Wir versteifen uns auf solche all time Favorit Themen, wie die AFD aber merken nicht, wie viel Raum und Aufmerksamkeit wir dieser Ideologie schenken. Genau das ist doch das Ziel. „Umso mehr wir provozieren, um so mehr kostenlose Werbung bekommen wir.“ Da ist es auch egal, ob das alles stimmt, oder nur nicht. 

    „Verbreiten wir eigene Geheimnisse“

    Selbst in einer der bisher erfolgreichsten Netflix Serie „Haus des Geldes“ geht es kurz um das Thema Fake-News. In einer Szene heißt es: „Verbreiten wir eigene Geheimnisse und vergiften alle Zeitungen, Fernsehsender und Nachrichtenredaktionen im Land. Polizisten die gekauft wurden und korrupte Minister. Orgien, die finanziert mit öffentlichen Entwicklungsgelder.“ In der Szene danach, entgegnet ein anderer: „Dies würde die Glaubwürdigkeit des Systems zerstören.“ 

    Social Media als Waffe

    Genau das geschieht auch seit langem in der Rarität, ohne dass jemand sich dagegen wehrt. Die Plattformen, die uns vernetzen sollten, werden nun als Waffen eingesetzt. Es ist unmöglich die Inhalte zu differenzieren. Denn es passiert alles auf derselben Plattform, auf der wir uns mit unseren Freunden unterhalten oder Baby-Fotos posten. Nichts ist so, wie es scheint.  

    Auch ich bin ein Teil des Problems 

    Auch ich, die hier grade all das geschrieben hat, ist leider angewiesen auf Social Media, um damit eine gewisse Reichweite zu schaffen. Wenn es um Recherche geht, muss ich auch darauf zurückgreifen und schauen was auf Facebook, Twitter oder Google steht. Also wer bin ich, die den Lesern sagt, fangt an offline zu gehen und mehr in der Realität präsent zu sein, wenn ich doch im Prinzip ein Teil dieser Maschinerie bin? Als ich mich für Journalismus interessiert habe, wollte ich Sachverhalte aufdecken, Dinge durchleuchten und Teil einer Lösung sein. Doch was bleibt, ist die Erkenntnis, dass auch dieser Text vielleicht paar Leute lesen werden, die es tatsächlich interessiert, was ich zu sagen habe. Nicht weil ich unfähig bin, mich selbst klein machen möchte, oder ähnliches. Dieser Beitrag enthält keine Produktplazierungen und Schlagwort wie Flüchtlinge und/oder Sex. 

    Ein Thermometer, um die Wahrheit zu messen, wird es nie geben. Doch die Fahrigkeit zu hinterfragen, sollte man generell keinem Gerät oder nur dem Internet überlassen.  

     

  • Manchmal müssen sich Frauen fragen: „Bin ich überqualifiziert für den Singlemarkt?!“

    Dr. Eckart von Hirschhausen sagte mal: „Der Singlemarkt ist wie der Arbeitsmarkt.“ In Anbetracht der Tatsachen stimmt es auch irgendwie. Was die Bewerbung für den Arbeitsmarkt ist, ist das Flirten für den Singlemarkt. Das erste Date ähnelt meistens einem Bewerbungsgespräch und die Beziehung entwickelt sich nach vielen Jahren zu einem Arbeitsverhältnis. Falls man jedoch keine Beziehung hat und gar nicht erst danach suchen möchte, wird man von der Gesellschaft genauso angesehen, wie ein Langzeitarbeitsloser. Ob man nun keinen Job hat, weil man zu faul ist oder einfach nur zu überqualifiziert ist, interessiert kaum jemanden. Genauso ist es auch auf dem Singlemarkt. 

    Fehlende Gleichberechtigung

    Es scheint, dass man heutzutage als Frau zu überqualifiziert sein kann, um einen Partner zu finden. Denn sowohl auf dem Arbeitsmarkt als auch auf dem Singlemarkt gibt es keine Gleichberechtigung. Der einzige Unterschied zwischen beiden ist, dass ein Mann für den Singlemarkt nie zu überqualifiziert sein kann. Im Gegenteil. Während Frauen ständig Partner suchen, die auf ihrer Augenhöhe sind, möchten die Männer lieber Frauen haben, die es nicht sind. Umso hilfsbedürftiger, unselbstständiger und unerfahrener die Frau ist, desto attraktiver wirkt sie auf viele Männer. Es scheint, als müsste eine Frau sich immer entscheiden zwischen ihrem privaten oder beruflichen Erfolg. Diese beiden Erfolgskurven scheinen bei Frauen immer antiproportional zu sein.

    Die perfekte Frau und der perfekte Mann

    Normalerweise gelten für den Arbeitsmarkt und für den Singlemarkt ähnliche Anforderungen: Selbstständigkeit, Empathie, Toleranz und ein attraktives Aussehen. Aber die Realität sieht etwas anderes aus. Die Frau muss all das haben und sogar darüber hinaus. Eine Frau muss: immer top gestylt sein, ihren Haushalt führen können, die Kinder erziehen, ihren Job gewissenhaft erledigen (doch dabei nicht den Ehemann oder ihre Familie vernachlässigen) und zugleich eine leidenschaftliche Liebhaberin im Bett sein. All das soll sie am besten noch tun, ohne sich dabei zu beschweren oder Hilfe zu erwarten. So sieht die perfekte Frau für die Gesellschaft aus. Der Mann hingegen hat exakt nur zwei Aufgaben zu erledigen:  Er sollte die Familie ernähren können und im Stande sein, eine Familie überhaupt gründen zu können. Das war’s! 

    Doch eins möchte ich hier klar betonen: Nicht die Männer erwarten, dass eine Frau all das können muss, sondern die Mehrheit der älteren Frauengenerationen. Der größte Feind einer Frau, ist nicht ein Mann sondern meistens eine andere Frau. Weshalb ich auf diese Theorie komme? Ganz einfach: Frau bewerten sich immer untereinander. Wenn ein Mann sich mit einem anderen Mann trifft, denkt er sich meistens lediglich nur „Gefällt mir“ oder „Gefällt mir nicht“. Während hingegen eine Frau, wenn sie auf eine Fremde trifft, sofort anfängt, die andere Frau von oben bis unten abzuscannen.

    Brauchen Frauen keine Männer mehr?

    Frauen, die sich selbst weitergebildet, einen gut gezahlten Jobhaben und selbstbewusst sind, werden von der Gesellschaft angesehen, als wären sie „unzähmbar“ oder viel zu anspruchsvoll. Daher raten ältere Frauen jüngeren Frauengenerationen oft, dass sie sich naiv stellen sollen, aber intelligent handeln müssen, um einen Mann zu bekommen. Einem Mann hingegen würde man sowas nie raten. Doch nicht alle Frauen möchten diesen Deal eingehen. Wir leben in einer Welt, in der wir uns alles bestellen und liefern können, egal wann und wohin wir wollen. Selbst zum Kinderkriegen muss man heutzutage nicht verheiratet sein oder gar einen festen Partner haben. Alleinstehende Mütter gibt es mittlerweile wie Sand am Meer. Doch ist das die richtige Konsequenz? 

    Frauen haben vor mehr als 200 Jahren mit der Emanzipation begonnen. Doch leider haben sie dabei vergessen, den Mann mit zu emanzipieren. Während bei den Frauen die Verantwortung und die Ansprüche gestiegen sind, wird vom Mann noch das Gleiche erwartet wie vor 200 Jahren. Daher wirkt es so, als wären viele Frauen, die sich emanzipiert haben zu überqualifiziert für den Singlemarkt. Die Wahrheit ist jedoch, dass die Männer sich nicht so weiterentwickelt haben wie die Frauen. 

    Obwohl wir alle Möglichkeiten dieser Welt haben, alles zu verändern was wir wollen, möchten viele Menschen das Bild vom klassischen Mann und der klassischen Frau nicht ändern, obwohl alles rund um uns sich bereits längst verändert hat.

  • (K)eine Behinderung am roten Teppich

    Stars und Sternchen tummelten sich am Wochenende zur Verleihung des diesjährigen Deutschen Filmpreises in Berlin. Regisseure und Schauspieler beantworten Mal wieder vorhersehbare Frage, deren Antworten fast schon auswendig klangen. „Das Team war großartig, es war eine einmalige Erfahrung, bitte keine Fragen zum Privatleben.“  Mitten drin war ich – Als einzige Rollstuhlfahrerin fiel ich mindestens genauso sehr auf, wie die funkelnden und glänzenden Garderoben der Schauspieler. 

    „Hauptsache politisch korrekt“

    Der Fokus lag dieses Jahr stark auf die jetzige Politik und den Kampf gegen Rassismus. Die Themen „Me too“, Flüchtlinge und Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau wurden oft erwähnt.  Frei nach dem Motto: „Hauptsache alles politisch korrekt benennen.“ Aber nicht ein Wort darüber, dass Menschen mit Behinderung auch zu unserem Gesellschaftsbild gehören. Ich wollte die Chance nutzen, um auf dem roten Teppich  genau diese Frage zu stellen. „Warum sieht man Menschen mit Behinderung nicht so oft in Filmen?“ 

    Keine einfache Frage 

    Zugegeben, dies ist keine einfache Frage, die man auf dem roten Teppich simpel beantworten kann, dennoch habe ich einige Stars auf damit konfrontiert. Es sei schwierig, weil man nicht genau weiß, wie man damit umgehen soll und niemanden damit verletzten möchten. Daher soll es etwas kompliziert sein, Menschen mit Behinderung in der Filmbranche zu integrieren. So haben fast alle geantwortet, die ich gefragt habe. 

    Fahri Yardim zu Thema Menschen mit Behinderung in Filmen und im Fernsehen 

    Nur Fahri Yardim nahm sich für meine Frage etwas mehr Zeit, als seine anderen Kollegen und sagte: „Menschen mit Behinderung gehören natürlich genauso dazu. Auch wenn sie selten in Filmen zu sehen sind. Es gibt gute Beispiele, wo das gepasst hat und diese Filme auch ziemlich erfolgreich waren. Da muss definitiv mehr passieren.“ Ich kannte Fahri aus der Serie „Jerks“. Bei der Gelegenheit lobte ich ihn für die herrlich, politisch unkorrekten Szenen, in den Menschen mit Behinderung involviert waren. Er reagierte sichtlich erleichtert und bedankte sich sogar, da er meinte, dass genau diese Szenen sehr kritisiert wurden.  

    Verantwortung der Filmbranche 

    Die Filmindustrie repräsentiert verschiedene Gesellschaftsbilder und schenken den Zuschauern dabei neue Eindrücke. Als Massenmedium zur Information und zur Bewusstseinsbildung, trägt die Filmbrache eine große Verantwortung. Deshalb ist es umso wichtiger, dass man nicht nur die reichen und schönen repräsentiert, sondern auch die Menschen, die vielleicht nur am Rand der Gesellschaft existieren oder vielleicht gar nicht als Teil der Gesellschaft wahrgenommen werden.

    Es war eine sehr spannende und interessante Erfahrung. Ob sich nun in der Filmindustrie etwas verändern wird oder nicht, kann ich nicht wissen. Aber zumindest wurde meine Frage an diesem Abend nicht unter den roten Teppich gekehrt.

  • „Warum sieht man auf deinem Profilbild nicht, dass du im Rollstuhl sitzt?“

    „Warum sieht man auf deinem Profilbild nicht, dass du im Rollstuhl sitzt?“

    Im Zeitalter von Social Media ist es ganz normal diverse Profile zu haben. Instagram, Facebook, Twitter und Snapchat bieten jedem Menschen die Möglichkeit sich so darzustellen, wie man gerne gesehen werden möchte. Selbstverständlich wird dabei viel inszeniert und auch ein bisschen geschummelt. Schließlich wollen viele Menschen das beste von sich im Netz präsentieren.

    Dennoch stoße ich bei den meisten Leuten auf Unverständnis, wenn man auf meinen Profilbildern nicht direkt erkennen kann, dass ich eine Rollstuhlfahrerin bin. Einige Leute nehmen direkt an, dass ich diese Tatsache verheimlichen möchte oder nicht dazu stehe. Dabei verstehen es einige Personen nicht, dass die virtuelle Welt einer der wenigen Orte ist, wo ich einfach eine von vielen sein kann.

    Niemand kritisiert mich dafür, dass man auf meinen Bildern nicht erkennt, dass ich einen Migrationshintergrund habe, mein Alter nicht verrate oder was für einen Beruf ich genau habe, aber der Rollstuhl soll gefälligst erkennbar sein. Damit die anderen besser wissen, wie sie mit mir umgehen sollen. Vielleicht sollten wir Rollstuhlfahrer denen zu liebe, wie bei einem Ikea Möbelstück, eine Gebrauchsanweisung, in allen Sprachen mit uns tragen. Oder eine Art Beipackzettel aushändigen.

    Ich soll meinen Rollstuhl klar sichtbar machen, aber wenn ein netter junger Mann seit Wochen mit mir chattet und erst nach zwei Monaten in unseren Gesprächen beiläufig erwähnt, dass er verheiratet ist, auf BDSM steht, drei Kinder hat und arbeitssuchend ist, dann muss man das als „kennenlernen“ verbuchen. Aber der Rollstuhl, der muss direkt erwähnt werden.

    Im Durchschnitt hat ein Rollstuhlfahrer drei Tage Zeit, um den Rollstuhl so feinfühlig wie möglich zur Sprache zu bringen. Der unwissende Läufer soll natürlich nicht erschreckt werden, oder verunsichert, bis er realisiert, dass er/sie sich für jemanden interessieren, der anders ist, als viele andere Menschen. (Das Privileg offiziell anderes sein zu dürfen, scheint nur den Hipsters dieser Zeit zu gelten.) Wenn diese drei Tage abgelaufen sind und man den Rollstuhl immer noch nicht erwähnt hat, dann gilt das als eine Art betrug für einige Menschen. Die erste Reaktion nach der Offenbarung eine Rollstuhlfahrerin zu sein, war bisher fast immer gleich. „Das ist doch kein Problem, dass ändert doch gar nichts, usw.“ Unabhängig davon, ob es nun Männer oder Frauen sind, war der Umgang danach auf einmal anders als vorher.

    Aber gehen wir mal weg vom privaten Anschreiben und kommen zu meinem „virtuelle Berufsleben“. Ich bin eine Frau, die politisch sehr interessiert ist und nebenbei (wie man so schön sagt) „irgendwas mit Medien“ macht. Obwohl ich mich mit gewissen Themen sehr gut auskenne, mich darüber gründlich Informiert und recherchiert habe, kommt oft der Satz: „Ja, aber du siehst die Welt ja aus einer ganz anderen Sichtweise.“ Als wäre bspw. die Wirtschaftskrise, der Nahostkonflikt oder Gleichberechtigung zwischen Männern und Frauen, für einen Rollstuhlfahrer etwas völlig Anderes.

    In der realen Welt habe ich keine andere Wahl und muss oft erst einmal erklären, dass ich mich dennoch hübsch, selbstbewusst und stark fühle, bevor ich überhaupt ein anderes Thema, welches überhaupt nichts damit zu tun hat, ansprechen kann. Warum sonst gibt es kaum Sendungen, in den Rollstuhlfahrer eine Rolle spielen? (Man sieht sie nur, wenn es um Inklusion oder sowas geht.) Etwa weil alle Studios nicht Barrierefrei sind?

    In der virtuellen Welt muss ich mich nicht erklären. Da bin ich eine von vielen und werde angeschrieben, kritisiert oder auch mal beleidigt, wie jeder andere auch. Deshalb sieht man auf meinen Profilbildern nicht, dass ich Rollstuhlfahrerin bin.

     

    http://magazin.handicapx.com/warum-sieht-man-auf-deinem-profilbild-nicht-dass-du-im-rollstuhl-sitzt/

  • ‚Kurden waren schon immer Mittel zum Zweck‘

     Gastbeitrag vom Deutsch Syrischen Informationszentrum

    Hallo Arin, möchtest dich kurz vorstellen?

    Mein Name ist Arin Jaafar, ich lebe seit zwanzig Jahren im Saarland und studiere Betriebswirtschaft. Nebenbei arbeite ich als Kolumnistin und schreibe als Gastautorin für die Huffington Post.

    Was bedeutet Syrien für dich?

    Das ist schwer zu definieren, denn als ich angefangen habe, das Land zu schätzen, wurde es nach und nach zerstört. Seit meinem 2. Lebensjahr lebe ich in Deutschland und kenne Syrien eigentlich nur aus meinen Sommerferien. Syrien war für mich der Ort, in dem meine Verwandten leben – nicht mehr und nicht weniger. Ich habe mich vorher kaum mit Syrien oder der Regierung auseinandergesetzt.

    Das Misstrauen und der Hass ist auf allen Seiten viel größer geworden. Die Orte, die ich früher in Syrien gerne besucht habe, sind völlig zerstört. Das Syrien, welches ich mal kannte, existiert heute nicht mehr.

    Als die syrische Revolution 2011 anfing, haben meine Familie und ich den Sommer dort verbracht. Bevor ich die Aufstände vor Ort miterleben durfte, dachte ich, dass die Medien übertreiben, und das sich alles innerhalb weniger Wochen selbst klären würde. Der Aufenthalt in Syrien hat mir jedoch die Augen geöffnet. Alles was zu diesem Zeitpunkt in den Medien präsentiert wurde, war nicht übertrieben, sondern untertrieben. Als ich wieder zurück in Deutschland war, habe ich angefangen mich mit anderen Gleichgesinnten auszutauschen. Ab dem Zeitraum begann ich darüber in meinen Artikeln zu berichten. Es heißt, dass jede Generation eine Revolution brauch, mit der er/sie sich identifizieren kann. Meine war die syrische Revolution.

    Du bist eine syrische Kurdin und stammst aus Afrin. Wie siehst du die aktuelle Lage dort?

    Jeder möchte ein Stück vom Kuchen abbekommen. Die Türkei versucht aktuell mit ihren Angriffen auf Afrin lediglich zu provozieren, um endlich Aufmerksamkeit zu bekommen. Sie befürchten, die einzigen zu sein, die bei diesem Syrien Krieg leer ausgehen könnten. Abgesehen davon passiert seit Jahren nichts mehr ohne Kenntnisnahme der anderen Protagonisten, die bei diesem perfiden Krieg mitspielen. Sowohl die syrische als auch die russische Regierung dulden diese Angriffe. Bisher gibt es nicht einmal eine Reaktion darauf. Die Kurden aus Syrien sind völlig auf sich alleine gestellt. Die Türkei greift gezielt Stützpunkte und Olivenbaumfelder an. Der Anbau und der Besitz der Olivenbäume ist für sehr viele Kurden aus Afrin und Umland die Haupteinnahmequelle und wichtigster Kapitalbesitz. Sie symbolisieren eine Jahrhunderte alte Tradition.

    Neben Assads Bildern hängen nun auch Öcalans Bilder herum.

    Zuvor hatte die syrische Regierung noch damit gedroht, türkische Jets abzuschießen, sollten diese Angriffe auf syrisches Gebiet fliegen. Bisher ist nichts davon zu sehen. Das ist jedoch keine Überraschung. Wir Kurden sind scheinbar die Tagelöhner der syrischen Regierung. Die Kurden waren schon immer nur Mittel zum Zweck, für die türkische, syrische und teilweise auch irakische Regierung.

    Könntest du den Lesern kurz erläutern, welche Rolle die PYD/YPG spielt und inwieweit sie die syrischen Kurden repräsentiert?

    Die PYD/YPG sind Schwesterparteien der PKK. Seitdem die kurdische Milizen PYD/YPG mehrere Gebiete in Syrien kontrollieren, wird jede Kritik im Keim erstickt. Die PYD/YPG haben die kurdischen Gebiete von Assad zugesprochen bekommen. Viele ehemaligen PKK-Anhänger aus der Türkei sind nun in Syrien und arbeiten für die PYD/YPG in Syrien. Neben Assads Bildern hängen nun auch Öcalans Bilder herum. Im Prinzip haben wir Kurden die arabische Baath Partei gegen eine kurdische Baath Partei eingetauscht. Die Methoden der PYD/YPG sind exakt wie die des Assad Regimes. Und jetzt, wo die YPG/PYD eigentlich verteidigt werden sollte, von der syrischen Regierung, lassen sie sich nicht blicken. Generell hat Assad die Kurdengebiete
    damals der PYD/YPG gegeben, da er davon ausgegangen ist, dass die Kurden für ihn das kleinere Übel darstellen und treue Söldner sind. Die Kurden werden nur als Marionetten und Schutzschilder für Assad und seine Anhänger missbraucht. Das sehen wir aktuell in Afrin ganz deutlich.

    Fühlst du dich nach der syrischen Revolution mehr mit dem Land und den Menschen verbunden? Hast du auch hier mehr Kontakt zu anderen Syrern?

    Ich habe durch diese Revolution viel über Syrien erfahren. Ohne sie hätte ich viele sehr wichtige Menschen, die in meinem Leben eine wichtige Rolle spielen, vermutlich nie kennenlernen können. Jedoch habe ich auch erst nach der syrischen Revolution gelernt, dass nicht alles Gold ist, was glänzt. Es gibt oft Momente, in denen ich mich frage, ob es das wert war. Ich habe kaum Verwandte mehr in Syrien und wenn ich wieder einmal da sein darf, weiß ich nicht mehr wohin ich gehen kann. Alles hat sich mittlerweile geändert. Früher war es nicht wichtig, welcher Religion man angehört oder ob man nun Kurde, Turkmene oder Araber ist. Diesen Unterschied setzt die syrische Regierung bewusst in der Bevölkerung ein. Das Misstrauen und der Hass ist auf allen Seiten viel größer geworden. Die Orte, die ich früher in Syrien gerne besucht habe, sind völlig zerstört. Das Syrien, welches ich mal kannte, existiert heute nicht mehr.

    Alles wurde immer auf dem Rücken der Kurden ausgetragen. Leider sieht es ganz danach aus, dass sich die Geschichte erneut wiederholen wird.

    Wie beurteilst du die Rolle der syrischen Kurden in der Zukunft?

    Die Kurden sind in diesem Pulverfass, zwischen Türkei, Syrien, Irak und Iran gefangen. Die Geschichte hat gezeigt, dass die Kurden immer wieder eingesetzt wurden, wenn es Unstimmigkeiten zwischen diesen Ländern gab. Alles wurde immer auf dem Rücken der Kurden ausgetragen. Leider sieht es ganz danach aus, dass sich die Geschichte erneut wiederholen wird. Bereits 1982 hat das syrische Regime während des Hama Massakers die Kurden für sich instrumentalisiert. Trotz der Unterstützung wurden die Kurden von Hafiz Assad nicht anerkannt und wurden massenhaft festgenommen.

    Möchtest du den Lesern noch etwas mitteilen?

    Der Krieg in Syrien hat nicht nur den Nahen Osten gespalten, er hat auch Auswirkungen auf die politische Lage in Europa gehabt. In Zeiten der Globalisierung kann niemand mehr behaupten, dass gewisse Länder zu weit weg liegen, und wir nicht mit ihnen zu tun haben. Diese Haltung hat Europa mehrere Millionen Flüchtlinge eingebracht. Der größte Fehler war es, die Lösung für den Krieg hier in Europa zu suchen und nicht Vorort. Ich hoffe einfach nur, dass der Krieg in Syrien bald ein Ende hat und man mit dem Wiederbau anfangen kann.

  • „Vor dem Gesetz ist jeder Mensch gleich“

    „Vor dem Gesetz ist jeder Mensch gleich“

    Über Geld spricht man nicht – Aber mich würde interessierten, wie das andere Rollstuhlfahrer machen, die ein Studium absolviert haben.

    Seit einigen Wochen kämpfe ich mit den Behörden und Ämter, weil ich finanzielle Probleme habe. Normalerweise beziehe ich ein „persönliches Budget“, dass Träger übergreifend ist und mir eigentlich die Teilhabe am Leben ermöglichen soll. Nach nun zwei Jahren ist dem Amt aufgefallen, dass ich mit diesem Geld auch meine Studiengebühren, Miete, Versicherung und allgemein mein Lebensunterhalt bestreite.

    Was ich jedoch nicht wusste ist, dass das gar nicht erlaubt ist. Ich darf mit dem Geld mir Assistenten, Pfleger und Haushaltshilfen bezahlen, jedoch nicht meinen eigenen Lebensunterhalt. Auf gut Deutsch gesagt: „Mein Hintern sollte optimal gepflegt werden, aber ob dieser Hintern ein Dach über den Kopf hat, spielt keine Rolle!“

    In den letzten Wochen konnte ich kaum eine Vorlesung besuchen, da ich von einem Amt zum anderen gerannt bin, um zu wissen, wie es nun weitergehen soll. Letzte Woche war ich zum ersten Mal bei einem Jobcenter – Offen gesagt kann ich alle Menschen, die sich freiwillig dazu entschieden haben auf der Straße zu leben verstehen. Diese Demütigung, die man über sich ergehen lassen muss, um sein Geld zu bekommen, möchte sich nämlich kein Mensch freiwillig antun.

    Ich saß da und der Sachbearbeiter kam rein. Alle Unterlagen lagen bereit und der Typ starrte mich von oben bis unten an.

    „Ich dachte, ich hätte heute eine normale Studentin hier sitzen und keine Rollstuhlfahrerin.“ Sagte der Beamte.

    „Ich wünsche ihnen auch ein guten Morgen.“ Antwortete ich.

    Er fuhr regungslos fort: „Ich lese hier aus den Unterlagen heraus, dass Sie Studentin sind und kein Bafög erhalten. Was wollen Sie hier und warum bekommen Sie kein Bafög?“

    Ich:“ Da mein BWL Studium mein 2. Studium ist, bekomme ich kein Bafög. Mir wurde gesagt, dass ich mich hier melden soll, um meine Situation zu schildern und zu wissen, ob Sie mir vielleicht helfen können oder wissen, wo hin ich gehen muss.“

    Eine Stunde lang erklärte ich ihm, was mein Problem sei und das ich nicht mehr weiterwüsste. Er blickte mich erneut griesgrämig an: „Ich arbeite seit zehn Jahren als Abteilungsleiter und sowas wie Sie bzw. ihren Fall, habe ich noch nie erlebt.“

    Schon wieder bin die die Erste – In der Grundschule war ich die erste Rollstuhlfahrerin, in der weiterführenden Schule war ich die Erste Rollstuhlfahrerin, im Studium und nun wieder.

    Nur so als keiner Tipp für die nicht körperlich behinderten Leser da draußen, die Bezeichnung „die Erste“ in solchen Fällen ist immer negativ behaftet.

    Er lies mich alles drei Mal erklären und beantwortete all meine Fragen immer stets mit „Weiß ich nicht, keine Ahnung, ich kenne mich damit nicht aus…“

    ich wurde langsam wütend und stellte ihm die Frage, wer es sonst wissen sollte, wenn er es nicht weiß. Dann kam einer meiner Lieblingssätze, die er an diesem Vormittag zu mir sagte. „Wenn Sie arbeitslos wären, könnten ihnen viele Ämter helfen, aber so als Studentin…?! Brechen Sie doch ihr Studium ab oder gehen Sie arbeiten.“

    Mir platzte der Kragen: „Mir fehlen grade mal 2-3 Semester. Abgesehen davon, würde ich ja gerne arbeiten, aber sagen Sie mir doch, wer mich als ungelernte und beeinträchtigte Kraft beschäftigen würde?“

    „Das weiß ich doch nicht.“ sagte er zum hundertsten Mal. Ich wollte mir nichts mehr anhören und verabschiedete mich von ihm. Ich wollte nur noch rausgehen.

    Am selben Vormittag rief ich das Wohnamt an. Die Frau am Telefon war so nett, dass Sie gleich nach: „Guten Tag, ich bin Studentin“, mir ins Gesicht aufgelegt hat.

    Kein Grund um auszuflippen, sagte ich mir und habe versucht, die Behindertenbeauftragte des Saarlandes zu erreichen. Wenn es jemand wissen sollte, dann Sie – Dachte ich zumindest. An diesem Tag wiederholte ich zum gefühlt 10.000sten Mal meine Geschichte und die Frau antwortete: „Sowas wie ihren Fall, habe ich zum ersten Mal. ich war für alle saarländischen Ämter und Behörden scheinbar ein nie dagewesenes Phänomen. In ihren Augen hatte ich zwei Behinderungen – meine körperliche Benachrichtigung und die Tatsache, dass ich Studentin bin!

    Als ich dann wieder Zuhause ankam, rief ich meine Anwältin an, um ihr zu berichten, was für ein „tollen“ Vormittag ich hatte. Und ja, auch für sie war ich ein Sonderfall. Sie erklärte mir, dass ich aufgrund meines Studenten-Status nahezu aus jedem Raster falle und auch sie nicht weiß, wie es weitergehen soll.

    Soll ich nun wirklich glauben, dass ich arbeitslos Zuhause sitzen sollte, um keine Existenzängste mehr zu haben? Scheinbar ist man in diesem Land, als Arbeitsloser besser aufgehoben, als ein Student. Ich habe mich für das Studium entschieden, um irgendwann finanziell unabhängig zu sein. Nun fühlt es sich wie eine Bewährungsprobe an oder eine Strafe. Bewirke ich in einer Behindertenwerkstatt wirklich mehr für das Bruttoinlandsprodukt, als wenn ich selbst arbeiten würde? Warum wird das Leben als Student so schwer gemacht – Ist das Studium an sich nicht schon schwer genug?

    Ich frage mich, ob es eine Statistik existiert, dem dokumentiert wurde, wie viel Menschen mit Behinderungen studieren – Es kann doch nicht sein, dass ich damit komplett alleine stehen!

    Seit Jahren versuchte ich diese Opferrolle zu umgehen bzw. zu umfahren. Ich möchte mich nicht in irgendeiner Nachmittagssendung entblößen und dieses Klischee, der armen benachteiligten Rollstuhlfahrerin präsentieren. Ich kann mir nämlich schon ganz genau vorstellen, wie das Ganze ablaufen würde. Vermutlich würde man auch oft genug mein Migrationshintergrund erwähnen – Ich wäre ein gefundenes Fressen für alle Privatsender!

    Es gibt unzählige Bücher, Vereine und Organisationen für Menschen mit Behinderungen, aber niemand schreibt oder sagt konkret, was man bei so einem Fall machen kann. Wo sind diese ganzen Sozial-Aktivisten, wenn man sie brauch. Für alles gibt ein hier ein Gesetz, sogar für Hunde und Kleingärtnervereine. Ich habe mich noch nie vom System so gestoßen gefühlt, wie jetzt.

    Und Apropos Gesetz: Ich frage mich, wie viel es kosten würde, wenn ich bis zum Ende meines Studiums ins Gefängnis gehen würde. Wäre es billiger mich in eine Zelle zu stecken, (die sehr vermutlich auch erst behindertengerecht gebaut werden müsse – Ich glaube nämlich, dass ich da auch die Erste wäre), als mir zu helfen in Freiheit mein Studium zu beenden? Der Vorteil dabei wäre, dass ich im Knast nicht abgelenkt wäre und viel mehr Zeit hätte, für meine Klausuren zu lernen.

    Ich denke, dass man an diesem Fall gut erkennt, was der Unterschied zwischen Gleichberechtigung und Gerechtigkeit! „Vor dem Gesetz ist jeder Mensch gleich“ – Doch was ist, wenn man nicht die gleichen Voraussetzungen, wie ein anderer Mensch hat?

     

    http://magazin.handicapx.com/vor-dem-gesetzt-ist-jeder-mensch-gleich/

  • Mein Rollstuhl verdient keinen Titel

    Mein Rollstuhl verdient keinen Titel

    „Dachdecker wollte ich eh nicht werden: Das Leben aus der Rollstuhlperspektive“, „Kann man da noch was machen? – Geschichten aus dem Alltag einer Rollstuhlfahrerin“, „Mein Leben und wie ich es zurückgewann“, „Das Glück geht nicht zu Fuß: Wie mein Leben ins Rollen kam“ (.…) Das sind alles Titel von Büchern, die sich rund um das Thema „Leben im Rollstuhl“ drehen.

    Auch ich habe einige dieser Bücher gelesen und in der Vergangenheit selbst mal überlegt darüber zu schreiben. Doch bei genauer Betrachtung, machte es für mich kein Sinn. Ohne irgendwie gehässig zu wirken, oder irgendjemanden persönlich angreifen zu wollen, muss ich bei solchen Büchern immer schmunzeln. Ist es nicht ein Widerspruch, wenn so viele Rollstuhlfahrer nicht auf ihre Behinderung reduziert werden wollen und diese Bücher genau das zelebrieren? Diese Lektüren handeln ausschließlich davon und bestätigen jedes Klischee.

    Wir möchten von der Gesellschaft akzeptiert werden und ein Mitglied davon sein. Andererseits meckern wir ständig nur darüber, wie schwer wir es doch haben und das niemand etwas für uns tut. Für mich ist das exakt dieselbe Diskussion, wie bei der Integrationsdebatte. „Zur Integration gehören immer beide Seiten.“ Genauso denke ich auch über die Inklusionsdebatte. Es reicht nicht Gesetze oder Rechte zu haben, wenn Sie gerade mal 20% – 30% der körperlich behinderten Menschen für sich nutzen. Was bringt es denn eine Schwerbehindertenquote zu haben, wenn viele Behinderte nur in der Behindertenwerkstatt arbeiten. Was bringt es denn, Diskos und Kinos behindertengerecht umzubauen, wenn Sie kaum jemand mit körperlicher Beeinträchtigung nutzt? Es gibt bereits unzählige Möglichkeiten, die viele von uns nicht kennen, weil viele darauf warten, dahin geführt zu werden.

    Selbstverständlich ist das nicht immer einfach. Sowohl in meinem ersten, als auch in meinem zweiten Studium hieß es immer: „Oh, also Sie sind bei uns die erste Rollstuhlfahrerin.“ Ich wäre gerne mal, bei solchen Angelegenheiten, nicht die Erste. Die Hochschulen, auf denen ich war oder bin, glauben immer, dass sie sich ein Bein ausreizen, wenn ich eine Prüfungsverlängerung bewilligt bekomme oder Sie es geschafft haben nach Jahren eine Rampe irgendwo hinzubauen. Und apropos Beinausreizen, danach werben solche Hochschulen mit ihrem behindertengerechten Campus. So als wäre es schon immer so gewesen.

    Fakt ist einfach, dass einem nichts im Leben einfach so zufliegt. Jeder Mensch muss für sich selbst kämpfen und nicht darauf warten am Händchen gepackt und sicher ans Ziel gebracht zu werden.
    Ich kann und möchte hier nicht für Andere sprechen. Dieser Text ist lediglich eine Auffassung von mir. Für mich ist meine Behinderung das einzige Gewöhnliche an mir. Sie ist so leicht zu durchschauen und unglaublich langweilig. Es ist genauso wie der Tod. Er begleitet uns immer, doch hören wir deshalb auf zu leben, weil wir alle wissen, dass wir irgendwann sterben werden? Ich bin das eigentlich Ungewöhnliche. Das was ich daraus gemacht habe, ist das was mich zu dem macht, was ich bin, nicht mein Rollstuhl!

    Nicht mein Rollstuhl schreibt diese Kolumne, nicht er studiert, nicht er schreibt Bücher, sondern ich. Auch wenn ich weiß, dass wenn man mich beschreibt oder vorstellt, es als erstes heißt „Arin, die Rollstuhl-fahrende Studentin, Arin, die Rollstuhl-fahrende Kolumnistin, Arin, die Rollstuhl-fahrende Deutsch-Syrerin. Es ist ok, wenn mich andere so beschreiben wollen, doch ich werde es nicht tun. Wenn ich das tun würde, würde ich mich selbst in den Hintergrund stellen. Im Hintergrund verbirgt sich jedoch schon meine Migration. Das ist eine andere, marode Baustelle, die keinen fruchtbaren Boden mit sich trägt und die kein Gast bei sich empfangen kann. Ich möchte in meinem Leben im Mittelpunkt stehen, auch wenn meine Behinderung sich vermutlich ewig in den Vordergrund schleichen will.

    Falls alles gut geht, veröffentliche ich in diesem Jahr mein Buch. Dieses handelt von mir und davon, was ich in den letzten Jahren erlebt habe. Mein Rollstuhl kommt darin kaum vor. Denn mein Rollstuhl verdient keinen Titel.

     

    http://magazin.handicapx.com/mein-rollstuhl-verdient-kein-titel/

  • „Ich wünschte, ich wäre behindert“

    Wenn ich behindert wäre, würden man mich immer ansehen
    Ich müsste mir nicht mehr so viele Mühe geben, besonders auszusehen

    Wenn ich behindert wäre, würde ich nie wieder arbeiten gehen
    Ach, dass wäre so bequem…

    Ich würde nie den vollen Preis einer Fahrkarte zahlen
    Als Behinderter könnte ich so viel sparen

    Es ist kein Wunder, dass unser Finanzmister behindert ist
    Der bezahlt bestimmt auch nicht für jeden Mist

    Wenn ich behindert wäre, würde ich ständig andere rumkommandieren
    Die Nerven der Leute damit strapazieren und mich darüber sogar amüsieren

    Als Behinderte, würde ich für alle alltäglichen Dinge bewundert werden
    Auch wenn ich mal etwas nicht hinbekomme, würde sich niemand beschweren

    Wenn ich behindert wäre, dürfte ich mich verrückt verhalten
    Ich könnte mein Leben völlig frei gestalten

    Wenn ich behindert wäre, wäre ich bestimmt für alle eine große Motivation
    Nach dem Motto: „Wenn Die es schafft, dann schaffen wir das auch schon.“

    Wenn ich behindert wäre, könnte ich mit meinem Rollstuhl beim McDrive bestellen
    Ich müsste mich nicht mehr an der normalen Kasse anstellen

    Für Behinderte findet man sogar neue Wort Kompositionen
    Wie „Handicap oder Inklusion“

    Schließlich darf man das nicht verwechseln mit der Integration
    Differenzierung ist hier schließlich das A und O

    Natürlich gibt es da auch bestimmt komische Fragen
    Womöglich könnten diese Fragen an meinem Ego nagen

    Aber das wäre mir nicht wichtig
    Was ich kann oder nicht kann, wäre offensichtlich

    Wenn ich behindert wäre, hätte ich immer etwas zu lachen
    Ich glaube damit hätte ich genügend Stoff, um daraus Stand-up Comedy zu machen

    Ich wäre auf allen Bühnen dieser Stadt
    Und die Leute würden sagen „Die Eine da, die dreht doch am Rat!“
    Ich würde beweisen, dass behindert sein, durch aus etwas hat

    Doch leider bin ich nicht behindert, schließlich kann ich schreiben
    Und lass mich lediglich von meinem Rollstuhl treiben

    Ich stehe mit beiden Beinen im Leben. Das kann jeder sehen
    Ohne auf ihnen jemals zu stehen

    Man muss nur verstehen
    Um zu leben, muss man nicht unbedingt gehen

  • „Du musst dich eindeutig positionieren“

    „Du musst dich eindeutig positionieren“

    Seit ca. drei Jahren schreibe ich nebenberuflich für diverse Magazine bzw. Webseiten. Genau genommen schreibe ich seit dem ich zwölf Jahre alt bin. Aber früher habe ich mich nicht getraut, etwas zu veröffentlichen. Heute sehe ich das ganz anders. Ich schreibe gerne über die verschiedensten Themen, sei es beruflich oder privat. Gut, wenn man das überhaupt Beruf nennen kann. Schließlich kann sich jeder heutzutage Blogger bzw. Journalist nennen. Für diese Kolumne bspw. suche ich mir Themen aus, die irgendwie mit dem Begriff „Handicap“ im engeren oder weitesten Sinne zutun haben.

    Es macht mir natürlich Spaß darüber zu schreiben, da so viele Rollstuhlfahrer über das Thema zwar reden bzw. schreiben, aber ständig nur erzählen „wie blöd die anderen Läufer doch sind und das wir es alle so viel schwerer haben.“ Offen gesagt kotzt mich das an. Entschuldigt meine Ausdrucksweise, aber „kotzen“ ist schon schön verpackt. Wie korrupt und skrupellos manche sind, wissen viele nicht. Wie auch? Schließlich ist man zu sehr damit beschäftigt, diese Leute ständig zu bemitleiden oder in den Himmel zu loben. „Das ist so toll, dass Sie trotz Behinderung weiter machen.“ Oder: „Das ist so bemerkenswert, wie offen Sie damit umgehen.“

    Auf den ersten Blick mag es so aussehen, als ob ich genau das Selbe mache, wie diese „rollstuhlfahrenden Blogger“, doch das stimmt nicht. Ja, ich spiele gerne mit gewissen Klischees und womöglich fordere ich sie sogar heraus, aber ich sehe meine Behinderung nicht als Qualifikation, um darüber zu schreiben. Neben meinem Studium habe ich schon viel Geld in meine journalistische Ausbildung investiert und viele Referenzen gesammelt. Doch wenn ich mich dann bei anderen Zeitungen oder Magazinen bewerbe, werde ich oft auf meine Behinderung oder Herkunft reduzieret. Zwar habe ich diverse politische, gesellschaftliche und wirtschaftliche Texte geschrieben, aber kaum jemanden interessiert das. Die Leute wollen, die lustige Rollstuhlfahrerin, die alle Klischees bestätigt. Abgesehen davon, hausiere ich auch nicht mit meiner Behinderung oder Herkunft, um einen Job zu bekommen. Viele andere machen das ja sehr offensichtlich, obwohl sie keinerlei Ausbildung in dieser Branche haben. Sogar mein Redakteur alias der Gründer dieses Magazins meinte mal zu mir: „Arin, du musst dich positionieren.“  Doch das will ich nicht. Ich bin zu vielfältig, zu bunt und zu chaotisch, um mich auf irgendwas zu beschränken. Es gibt nichts interessanteres, als die Kunst, nichts streitbareres, als die Politik und nichts existenzielleres, als die Wirtschaft. Man wird gezwungen sich zu positionieren. „Ist man für die AFD oder dagegen? Veganer oder Fleischesser? iOS oder Android?“

    Meine Behinderung sagt nichts über meine Position zu irgendwas aus und schon gar nicht meine Herkunft. Ich liebe es über diverse Themen zu diskutieren und falls das jemandem nicht passt, kann er gerne bei den anderen Fachidioten stöbern, die nicht mal eine richtige Qualifizierung dafür haben und sich nur darum kümmern wie viele Follower und Likes sie für ihre populistische Meinung bekommen. Auch wenn ich ewig für namenlose Webseiten schreiben sollte, bin ich stolz darauf ohne Schwerbehinderten-, Migrations- oder Frauenquote alles alleine geschafft zu haben. Als Mensch mit Behinderung sollte sich keiner wundern, wenn jemand nicht für voll genommen wird, da viele sich ständig einzig und alleine mit ihrer Behinderung identifizieren. Dass ich angefangen habe, mit einer der brotlosesten Kunstform zu arbeiten, hat etwas mit meiner Einschränkung zutun, aber Sie hört nicht damit auf.

    Da bald das neue Jahr beginnt und ich neben meinen Neujahrsvorsätzen, wie: Abnehmen, mit dem Rauchen aufhören und allgemein disziplinierter werden, ständig das selbe Ziel verfolge, verrate ich es mal hier an dieser Stelle. In der Zukunft möchte ich nicht nur als „da ist ja die witzige Rollstuhlfahrerin“ wahrgenommen werden, sondern als Arin Jaafar, die Kolumnistin, Autorin, Journalistin und hoffentlich bald Betriebswirtin. Für meine Behinderung, Herkunft oder Geschlecht habe ich keine Ausbildung gemacht, daher sehe ich es auch nicht ein, mich damit zu profilieren.

     

    http://magazin.handicapx.com/du-musst-dich-eindeutig-positionieren/

  • „Wir Muslime machen grade mal 5% der deutschen Bevölkerung aus, doch bestimmen zu 50% die Schlagzeilen.“

    „Wir Muslime machen grade mal 5% der deutschen Bevölkerung aus, doch bestimmen zu 50% die Schlagzeilen.“

    Das sagte der Schriftsteller Hamed Abdel Samad in einem Interview mit der Huffington Post. Herr Abdel – Samad wurde mit seinen polarisierenden Büchern, in dem er den Islam analysiert, in der Öffentlichkeit bekannt. Kaum eine andere Debatte wird so oft geführt, wie die über den Islam. Die Meinungen dazu sind oft emotional aufgeladen und werden sehr monoton geführt. Daher wurde es Zeit Fragen zu stellen, die über das Kopftuch hinaus gehen.

    Sie kritisieren den Islam und sprechen über die überfällige Reformierung des Islams: Was haben Sie (abgesehen von ihren Büchern) zur Reformierung beigetragen?

    „Ich bin in erster Linie ein Schriftsteller. Ich bin weder ein Reformer noch ein Sozialarbeiter oder ein Politiker, um Lösungen anzubieten. Karl Kraus hat mal gesagt:

    „Ich kann keine Eier legen aber sehen, wenn ein Ei faul ist oder nicht.“ Ein Schriftsteller ist ein Analytiker.  Ich zerlege den Islam in mehreren Teilen. Jedoch erkenne ich an, dass mache Teile dieser Religion angenehm und für die Menschen notwendig sind. Ich habe das an meiner Familie gesehen. Die allgemeinen Prinzipien, die Idee, dass nach dem Tod noch etwas auf uns wartet. All das ist ok und das kritisiere ich auch gar nicht. Doch die Religion hat auch eine politische und juristische Seite, die gefährlich ist und jeden Tag Opfer kostet. Ich weiß, dass viele Muslime, (die ihre eigene Religion nicht richtig kennen), aus ihrer Emotionalität heraus den Drang haben sich zu verteidigen. Daher dulden bzw. akzeptieren sie keine Kritik. Ich sehe den Koran als Supermarkt. Man kann sich darin bedienen. Die Waren darin sind nicht sortiert. Genau das mache ich in meinem neuen Buch. Ich spiele die Rolle des Verbraucherschützers. Ich sortiere die Ware historisch ein. Ich werde dafür angegriffen, weil ich die Passagen aus dem Koran einordne. Allein das macht die Leute sauer. Die Leute bei uns stehen scheinbar nicht auf Verbraucherschutz.  

    Wenn man in Deutschland über den Islam redet, sind die Meinungen oft sehr extrem. Glauben Sie, dass Sie mit ihren Büchern so gut ankommen, weil sie einen Nerv der Gesellschaft getroffen haben oder weil Sie ein talentierter Schriftsteller sind?

    Es gab vor mir ein Buch mit dem Titel, „die Verbrechen des Propheten Mohammed“. Kein Mensch hat das Buch gekauft oder gelesen. Das Buch war ein Flop. Die Menschen haben kein Interesse an plumpe Beschimpfungen. Ich kenne mich aus in dieser Szene. Die Menschen lesen Bücher, wenn die Analyse einen gewissen Sinn macht. Ich glaube, dass ist der Grund, warum sich meine Bücher so gut verkaufen. Solche Bücher gibt es vielleicht in der Wissenschaft, wo nur 500 Leute das Buch lesen. Aber für die breite Leserschaft gibt es das nicht. 

    Bücher verkaufen sich gut, wenn man den Islam kritisiert? – Stimmt überhaupt nicht!  Also ich bin Analytiker und kein Kritiker. Ich bin Politikwissenschaftler, ich habe Geschichte an der Uni gelehrt. Das ist mein Fachgebiet und die Leute merken das, wenn sie meine Bücher lesen  

    Weshalb neigen wir oft dazu, den Islam ein Täter oder Opferrolle zu zuspielen?

    Das ist eine gute Frage und ein ernsthaftes Problem. Die Debatte wird sehr emotional geführt. Zwei Seiten schaukeln sich immer gegenseitig. Die eine Seite von Ängsten und die andere Seite von Arroganz. Es gibt Muslime, die Angst haben vor ihrem Identitätsverlust – besonders in Europa und deshalb hängen sie an den Islam, wie ein Kind an dem Kleid seiner Mutter. Dann gibt es da die deutsche Gesellschaft, die jeden Tag Nachrichten sieht und verunsichert wird.  Wir machen 5% der deutschen Gesellschaft aus, aber bestimmen 50% der Schlagzeilen. Und das wirkt sich natürlich auch für die Wahrnehmung dieser Leute aus. Wir werden größer gemacht als wir sind. Aber das sind echte Nachrichten. Sie sind nicht ausgedacht oder erfunden. Hinzu kommt die Arroganz vom rechtsradikalen Rand, der sich moralisch überlegen fühlt. Diese Leute sind auch nicht an einer Debatte interessiert und schmeißen alles in einem Topf. All diese Ängste schaukeln sich gegenseitig.

    Es gibt Interviews von Ihnen, in dem Sie klar sagen, dass Sie zwischen Muslime und den Islam trennen. Glauben Sie, dass ihre Leser dies auch tun, wenn Sie ihre Bücher lesen?

    Ja, weil ich das Gleiche auch in meinen Büchern schreibe. Menschen und Ideologien sind nicht das Gleiche. Die Islamisten wollen genau das. Sie wollen die Muslime und den Islam gleichsetzten.  Wir wollen über Integration reden aber bauen dabei immer mehr Moscheen.  Die Rolle der Integration und der Gesellschaft wird mit der Religion verbunden. Wenn man sich auf die Islam Verbände verlässt, erreicht man keine Integration. Höchstens die politische Aufrechterhaltung.  Die Menschen sind vielschichtiger und interessanter, als ihre Religion. Die Islam Verbände möchten die Rolle des Seelsorgers im Religionsunterricht spielen. Sie befestigt eine konservative Rolle des Islams. Sie liefert den normalen Muslimen, die mehrheitlich friedlich sind, den Islam Verbänden aus. Warum müssen es muslimische Krankenhäuser geben? Alle islamischen Menschen kommen nach Europa, und lassen sich hier behandeln. Warum brauchen wir muslimische Kindergärten? Das ist absurd! Und der Staat macht das mit. Man wiederholt das gleiche, was man mit den Kirchen macht.

    Sie wurden im Oktober 2015 von der AfD nach Charlottenburg-Wilmersdorf als Redner eingeladen. Was motiviert Sie dazu die AFD zu unterstützen? 

    Wenn ich eine Rede halte, heißt es nicht, dass ich die Partei unterstützte. Ich habe auch Reden für die CSU in Augsburg gehalten, die richtige Kritik von mir einstecken musste. Ich habe auch Reden, bei der FDP, bei den Grünen und bei der SPD im Willy-Brandt-Haus gehalten. Es gibt Talkshows, in dem einer gegen vier Leute spricht und genau das macht die AFD stark. Man lässt zu, dass die AFD die Themen setzt und begnügt sich nur damit moralisieren überlegene zu sein. Soll ich jetzt diese Partei und die 20 % der Leute, als nicht Existenz betrachten, weil sie eine falsche Politik betreiben? Nein, ich geh zu dieser Partei und sage, was ich falsch finde. Genau das, habe ich mit meiner Rede gemacht.  

    In Dachau wurde ich von den linksextremsten mit Kerzen beworfen. Sie waren handgreiflich und haben mich umzingelt. Nur zwei konnten mich befreien. Das ist ok, denn das ist demokratisch. Die sind süß, die sind niedlich, weil sie ja Sophie Scholl mit 70-jähriger Verspätung spielen. Sie sind ja gegen die Nazis. Vielleicht bin ich der einzige Schriftsteller, der das wagt, aber ich lasse mich nicht moralisch erpressen. Ich darf alles! Ich bin ein Schriftsteller! Ich bin ein freier Mensch. Ich bin kein Nazi! Ich bin für das verantwortlich, was ich sage und nicht wo ich das sage. Das ist die Demokratie. Wie wäre die Demokratie, wenn wir ausschließlich mit gleichgesinnte sprechen würden und niemals mit unseren Gegnern? Man kommt nicht weiter. Ich habe nicht den Drang mich ständig von der AFD zu distanzieren. Ich bin verantwortlich für das, was ich sage und ich redeüberall. Ich lasse mir das nicht vorschreiben. Ich lasse mich nicht von meiner Islamkritik abbringen, weil manche Leute sagen, dass es vom rechten Rand missbraucht wird.

    Ist der Islam ein Vorwand, denn die arabischen Länder brauchen, um an ihren Diktaturen weiterhin festhalten zu können und Kriege zu führen? 

    Ich war in Ägypten während des Sturzes von Mubarak und habe die Entwicklung der arabischen Welt in einem Buch von mir dokumentiert. Man kann natürlich sagen, dass die Diktaturen nicht anderes zugelassen haben. Sie haben verhindert, dass sich eine Zivilgesellschaft aufbaut. Es konnte sich keine politische Alternative bilden. Ja, die Diktaturen haben diese Rolle gespielt. Die Diktatoren haben die Länder intellektuell, bildungspolitisch und auch gesellschaftlich heruntergewirtschaftet. Daher sind die Islamisten die einzigen, die übrig geblieben sind. Zwar werden sie immer als Gegner des Regimes angesehen, aber sie ergänzen sich gegenseitig sehr gut. Also Ja, das Regime benutzt es als Vorwand, aber der Vorwand ist auch richtig. Also nicht erfunden. Leider ist das ein Teufelskreis, ein Armutszeugnis und ein politischer Bankrott Bekenntnis für die Gesellschaft, wenn man sagt, „das kleinere Übel, ist der Diktator.“  

    Was unterscheidet den Islam vom Christentum im 13. Jahrhundert?

    Nicht viel, wenn die politische Struktur ansehen. Es ist traurig, wenn man seine Gegenwart, mit der Vergangenheit anderer vergleicht. Wenn es wirklich eine Frage der Zeit ist, dann hätten wir es besser machen müssen.  „Ah der Islam ist jetzt, wie das Christentum im 13. Jahrhundert.“ Die Christen haben damals im Mittelalter noch nicht den Buchdruck erfunden; sie hatten das Internet nicht, die Bildung und wir haben jetzt alles. Das ist keine Entschuldigung mehr. Wir können nicht sagen, dass wir 600 Jahre mehr brauchen als die anderen. Das ist die gesenkte Erwartungshaltung. Die Islamische Welt hat einfach verschlafen, von den Errungenschaften des Westens zu profitiert. Der Westen hingegen hat von seinen Errungenschaften als auch die Errungenschaften der Araber profitiert. Es ist eine Art Kompensation vom Frust über diese Entwicklung.  Die arabische Welt hat nichts mehr zu melden oder zu sagen. Wenn es das Erdöl nicht geben würde, hätte die gesamte islamische Region überhaupt kein Wert in der Außenpolitik. Es einfach zu sagen, dass der Westen und der Kapitalismus daran schuld sind. Die Zukunft, in der Vergangenheit zu sehen, mündet im ISIS, weil man in der Gegenwart nichts zu melden hat. 

    Wenn Sie Meinungsmacher wären, wie würden Sie sich einen Europa-tauglichen Islam vorstellen

    Ich würde mir von Theologen und Imamen wünschen, dass sie die Lehre zeitgemäß wiedergeben. Die Tatsache, dass so viel Muslime hier leben und nicht in den arabischen Regionen, muss uns zu denken geben. Wir müssen zugeben, dass dieser Kontinent es geschafft hat, die beste Lebensform zu bieten. Diese Freiheit muss man als Basis ansehen und nicht die Gebote und Verbote. Natürlich muss man sich davon machen authentisch, islamischen Theorien trennen. Diese Weltansicht und die Gesetzte, waren für andere Zeiten gedacht und nicht für die Bedürfnisse unsere heutigen Gesellschaften.  Die Imame und muslimischen Lehrern müssen ohne moralische Mauer den jungen Muslimen helfen. Ich habe großes Mitleid mit jungen Muslimen in Europa. Die jungen Muslime werden von drei Seiten unterdrückt. Einmal von der Familie, dann von der islamischen Gemeinschaft und von deutscher Gesellschaft. Ich hoffe, dass die Theologen und Religionslehrer dies im Blick haben und diesen jungen Menschen Antworten geben können. Vor allem aber ihnen helfen und lehren, dass es kein Widerspruch sein muss, Moslem zu sein und gleichzeitig ein deutscher Teil der Gesellschaft zu sein. Das ist das was ich mir erhoffe.   

    Zusammenfassend lässt sich sagen, dass wenn man über eine Religion diskutiert, sollte man sich nicht nur mit der äußeren Schale auseinandersetzen, sondern sich mehr mit dem Kern befassen. Wir führen endlose Diskussionen über das Kopftuch, dabei verschleiern wir den eigentlichen Problemen, die in der Integration in unserer Gesellschaft verankert sind. An dieser Stelle zitiere ich Herrn Abdel – Samad, mit den Worten: „Wie wäre die Demokratie, wenn wir ausschließlich mit gleichgesinnte sprechen würden und niemals mit unseren Gegnern?“.